Kunstaktion durmstädter BrandnamenHeute jährt sich die Darmstädter Brandnacht zum 70sten Mal. Und in Darmstadt gibt es eine heiße Debatte über den richtigen Umgang damit. Sollte man an das Ereignis erinnern? Darf man der Opfer gedenken? Was lernen wir daraus?

Zentrum der Kontroverse ist die Kunstaktion Durmstädter Brandnamen, die das Leid der Opfer ent-tabuisieren (und zum Nachdenken über Gewalt und Krieg anregen) möchte, ohne die Verbrechen der Nazis zu verharmlosen. Dieser Ansatz hat zahlreiche Kritiken und Kritiker hervorgerufen. Nicht unwesentlich  bin ich daran mit meiner Rezension und (wichtiger!) meiner Kritik beteiligt.

Dafür habe ich vom Künstler eine gepfefferte Kritik erhalten, die meine Position jedoch falsch darstellt und auf Vorwürfe antwortet, die ich so gar nicht erhebe. Ein Verteidigungs-Reflex? Ich werde antworten (habe das aber bisher nicht geschafft).

 

Eingebettet (und kaum davon zu trennen) ist die Diskussion natürlich in die (bundesweite) Bomber-Harris Debatte – auch wenn es dabei nicht um das Leid geht, sondern um die Bewertung der Bomben auf deutsche Städte im Allgemeinen.

Bomber Harris Tweet

In diesem Kontext ist wohl auch die Reaktion des AStA der TU Darmstadt zu sehen, der die Kunstaktion scharf angreift:

 

Auszug aus dem Protokoll der AStA-Sitzung vom 17.12.2013

Auszug aus dem Protokoll der AStA-Sitzung vom 17.12.2013

 

Eine direkte Folge dieses Beschlusses ist auch die Veranstaltungsreihe „Erinnern, Verdrängen, Vergessen“ des AStA sowie der dazugehörige Blog „KeineOpfer.de“  mit sehr interessanten Beiträgen. Der AK des AStA kritisiert darin heftig die bisheirge „Vergangenheitsbewältigung“ der Stadt Darmstadt und ihrer Repräsentanten. Und er bestreitet jedes Recht, an andere Menschen als die Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern:

 

Die kollektive Erinnerung an das, was geschehen ist, gehört allein den Juden für die die Bomben der Royal Air Force zu spät kamen; den Zwangsarbeitern, die sich bereits zu Tode geschuftet hatten, all denen, die dem deutschen Vernichtungsprojekt zum Opfer fielen; gedacht werden soll den gestorbenen Soldaten der Anti-Hitler-Koalition, die unter Einsatz ihres Lebens Juden unterstützt haben; allen, die sich der deutschen Barbarei entschlossen entgegenstellten und SONST NIEMANDEM.

Quelle: Darmstädter Vergangenheitsbewältigung und der Mythos von unschuldigen deutschen Opfern,
auch veröffentlicht in der AStA Zeitschrift „Lesezeichen“ (PDF).

 

Damit positioniert sich der AStA klar gegen die Kunstaktion Durmstädter Brandnamen, aber auch gegen die aktuellen Erinnerungsaktivitäten der Stadt Darmstadt, der Kirchen, im Kunst Archiv Darmstadt, im Weißen Turm und in der Centralstation.

 

Während ich die Position des AStA für gut nachvollziehbar halte und den Ansatz teile, halte ich eine kategorische Ablehnung von Erinnerungsaktivitäten jedoch für gänzlich falsch. Zum Einen sind für mich mindestens die deutschen Kinder von 1944 auch Opfer – kein mir zugängliches Schuld-Konzept [außer dem kirchlichen (nicht: christlichen) Erbschuld-Konstrukt] kann sie für die Verbrechen des 3. Reiches verantwortlich machen.  Zweitens vergibt der Ansatz aber auch gleich zwei Chancen:

  1. Erst über den Dissens im Umgang mit diesem Ereignis wird ein lebendiger Diskurs über die Verbrechen der Nazis und die Schuld der normalen Deutschen (durch Schweigen) möglich. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass es die Veranstaltungsreihe ohne die Kunstaktion Durmstädter Brandnamen nicht gegeben hätte, aber sie hat dem Thema definitiv zu mehr Aufmerksamkeit (auch durch den Künstler selbst) und Spannung verholfen. Nur durch einen lebendigen Diskurs lassen sich Kontext und deutsche Schuld auch für (junge) Menschen erfahrbar und verständlich machen, für die das Thema noch neu ist.
  2. Über die rein geschichtliche Perspektive hinaus lassen sich aus dem Thema spannende Parallelen in die Gegenwart ziehen: Ob Afghanistan, Irak, Gaza, Ukraine, Syrien – überall  stellt sich die Frage nach der Mitschuld der Bevölkerung an den Verbrechen der Machthaber und an der Legitimität eines (von unserem Bundespräsidenten ja wiederholt geforderten) militärischen Eingreifens. Eine solche Diskussion muss sich meiner Meinung zwangsläufig direkt an solche Betrachtungen anschließen – sonst würden wir uns dem Lernen aus der Geschichte verweigern.

 

Die Darmstädter Geschichtswerkstatt beteiligt sich ebenfalls nicht an den Gedenk-Veranstaltungen. Das P-Magazin zitiert die Vorsitzende Hanni Skroblies, der einen historische Einordnung wichtiger ist als das Gedenken:

„Vor der Bombardierung gab es eine durch weite Teile auch der Darmstädter Bevölkerung geduldete und unterstützte Rüstungspolitik, Terror und Mord gegen die jüdische Bevölkerung sowie einen Raub- und Vernichtungskrieg.“

Skroblies sieht laut P-Magazin vor allem in der selektiven Darstellung der Ereignisse die Gefahr, dass zukünftige Generationen den Eindruck erhalten könnten, vor allem die Deutschen seien Opfer gewesen. Dies aber sei eine gefährliche, die Geschichte verfälschende Legende.

 

Weitere Reaktionen und Diskussionsbeiträge:

 

Die Veranstaltungen zur „Brandnacht“ Darmstadts

Donnerstag, 11. September 2014

  • 11 Uhr Kranzniederlegung, Gräberfeld auf dem Waldfriedhof
  • 17 Uhr Ausstellungseröffnung „Das Feuer fraß die halbe Stadt“, Kunst Archiv Darmstadt (im Literaturhaus, Kasinostraße 3)
  • 18.30 Uhr Ökumenischer Friedensgottesdienst, Stadtkirche
  • 19.30 Uhr Mahnmal, Kapellplatz
  • 20 Uhr Vorführung der Filme „Brandmale“ und „Running with Mum – Der Weg meiner Mutter“ mit anschließender Gesprächsrunde mit Zeitzeugen, Centralstation, Eintritt frei! www.gropperfilm.de/gf/Brandmale.html
  • 20 Uhr Kammerkonzert mit dem Männerkammerchor des Staatstheaters Darmstadt, „Camerata Musica Limburg“ unter Leitung von Jan Schumacher und Lesung von Texten zur Brandnacht von Mitgliedern des Darmstädter Schauspielensembles, im Staatstheater (Kleines Haus)
  • 23.55 Uhr Gedenk-Glockenläuten aller Kirchen in der Innenstadt

Das kalligraphische Mahnmal „Durmstädter Brandnamen“ wird heute Abend (11.09., 19 Uhr) während des ökumenischen Friedensgottesdienstes in der Stadtkirche und ab Samstag (13.11.) im Weißen Turm zu sehen sein.

 

Weitere Infos

(wird ergänzt)

 

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