Dietrich Alexander (stv. Ressortleiter Außenpolitik Die Welt)Manche Zeitungsartikel scheinen Schlimmes für die Zukunft vorherzusagen. Nicht immer ist leicht zu durchschauen, ob das wirklich an den Fakten liegt, die sie zu präsentieren vorgeben. Doch was Dietrich Alexander neulich in Springers „Welt“ veröffentlicht hat, ist ein sehr dreister Versuch, nicht vorhandene Fakten in ein gewünschtes Weltbild zu pressen.

Zunächst war mir nur die reißerische Überschrift aufgefallen. Da hieß es: „Demografische Übermacht der Muslime unaufhaltsam“ – das klingt selbst für eine Überschrift mehr nach Wahlplakat als nach Journalismus. Im Zusammenhang mit Demografie (also der Forschung zum Bevölkerungswandel) ist der Begriff „Übermacht“ unangebracht, da es bei Demografie nicht um Macht geht. Und auch das Wort „unaufhaltsam“ enthält Wert- und Wunschvorstellungen, die erst mal mit Nachrichten-Journalismus nichts zu tun haben, sondern höchstens in einen Kommentar gehören.

Das ist der „Welt“ dann wohl auch aufgefallen, denn schon kurz danach änderte sie den Titel in „Muslime – Die Gewinner des demografischen Wandels“. Ein Titel, an dem erst mal nichts auszusetzen ist. Doch da hatte ich mir den Artikel bereits näher angesehen, weil mir eine Unstimmigkeit aufgefallen war:

Im Vorspann schrieb Welt-Redakteur Dietrich Alexander: „2070 wird es erstmals in der Geschichte mehr Muslime als Christen geben, prophezeien US-Forscher.“ In der interaktiven Grafik, mit der die Welt den Artikel  illustrierte, gab es aber nur eine Darstellung von Daten bis zum Jahr 2050. Und obwohl er im Artikel noch einmal die Prognose für 2070 beschwört, wird dieser Widerspruch dort nicht aufgelöst. Also hab ich mir die Fakten näher angeschaut (Daten und der gesamte Text sind im Original online verfügbar). Ergebniss: Dietrich Alexander hat es geschafft, bereits im ersten Satz seines Artikels gleich zwei krasse Falschaussagen unter zu bringen. Die er im Text dann mehrfach wiederholt.

1.) Die Untersuchung hat lediglich die Entwicklung der Religionsgruppen bis 2050 untersucht. Der Titel lautet: „The Future of World Religions: Population Growth Projections, 2010-2050″.

Mit einem Ergebnis, dass die Christen auch im Jahr 2050 weltweit immer noch die größte Religionsgruppe sein werden. Nicht mehr mit ganz so großem Abstand: Während es heute rund 500 Millionen mehr Christen als Moslems gibt, sollen es 2050 dann noch rund 150 Millionen mehr Christen als Moslems sein.

Woher kommt nun die gegenteilige Aussage im Artikel der „Welt“ und das ominöse Jahr 2070? Das Papier sagt selbst:

Owing to the difficulty of peering more than a few decades into the future, the projections stop at 2050.

Nun, es wird in einem einzigen Satz erwähnt. In einer Randnotiz haben die Autoren mal spekuliert und die Trendlinien einfach so weit verlängert, bis sie sich schneiden. Nun lernt man bereits im Mathematikunterricht der gymnasialen Mittelstufe, dass eine solche Vorgehensweise höchst zweifelhaft ist. Und auch die Autoren schieben gleich einen ganzen Absatz an Einschränkungen nach:

It bears repeating, however, that many factors could alter these trajectories. For example, if a large share of China’s population were to switch to Christianity (as discussed in the sidebar on page 55), that shift alone could bolster Christianity’s current position as the world’s most populous religion. Or if disaffiliation were to become common in countries with large Muslim populations – as it is now in some countries with large Christian populations – that trend could slow or reverse the increase in Muslim numbers.

Doch auch diese zweifelhafte Prognose für 2070 wird von Dietrich Alexander noch falsch dargestellt. Denn alles was da steht, ist dass es in 2070 eventuell gleich viele Christen und Moslem auf der Erde gibt. Bei Alexander werden daraus: „mehr Muslime als Christen.“ Bis jedoch die Zahl der Moslems die Zahl der Christen auch nur um 1% übersteigt, würde es selbst auf dieser Basis noch bis ins Jahr 2100 dauern (steht dort!).

Doch selbst diese Verfälschung ist Dietrich Alexander wohl nicht drastisch genug, deshalb spitzt er es im Text weiter zu: „Die Daten lassen die sehr realistische Prognose zu, dass es spätestens im Jahr 2070 […].“ [Hervorhebung von mir]. Die Aussage der Autoren des PEW ist dagegen: Frühestens – denn sie liefern nur Gründe, warum sich das Wachstum abschwächen, aber keinen Einzigen, warum es sich noch beschleunigen könnte.

Noch ein schönes Beispiel, wie sich Alexander seine Quelle zurecht biegt und seine persönliche Meinung als Veröffentlichung der PEW darstellt:

Das PEW (Seite 14) schreibt:

[…] that trend could slow or reverse the increase in Muslim numbers

Also verlangsamen oder sogar umkehren! Daraus wird bei Alexander:

Aber die numerische Dominanz der Muslime über die Christen verschiebt sich dadurch wohl nur. Aufzuhalten ist sie nicht.

 

Zusammenfassung 1: Dietrich Alexander hat die Kernaussage der Untersuchung gar nicht dargestellt (2050 weiterhin mehr Christen als Moslems), sondern eine spekulative Randüberlegung zum Thema seines Artikels gemacht. Er hat dann auch diese Spekulation noch falsch dargestellt. Und er hat darüber hinaus zugespitzt, auf eine Weise, die das Dokument nicht im Ansatz unterstützt.

 

2.) Die Papier ist überhaupt keine wissenschaftliche Studie

Im Vorspann und auch mehrfach im Artikel behauptet Dietrich Alexander, hier die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Arbeit zu zitieren. Er schreibt „Forscher“, „Institut“, „Forschungsinstitut“ und schließlich „Wissenschaftler“. Und adelt es auch noch: „Demografie-Forscher des renommierten Pew-Instituts in Washington“ [Hervorhebung von mir]. Soviel, so falsch:

  • Das PEW ist keine Forschungseinrichtung, es ist keiner Universität zugeordnet, es ist keine staatlich Organisation, sondern ein mit privatem Geld finanzierter „Think Tank“. So nennen sich meist Organisationen, die sich zum Ziel gesetzt haben, den politischen Diskurs in den USA in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen.
  • Finanziert wird das PEW wohl vor allem aus Gewinnen des US Mineralöl- und Erdgasunternehmen „Sunoco“ (siehe Wikipedia für Details: Pew Research Center, Pew Charitable Trusts, Sunoco)
  • Das PEW ist bisher vor allem durch Meinungsumfragen mäßig bekannt geworden. Demografische Veröffentlichungen sind für das PEW Neuland.
  • Für die Bezeichnung „renommiert“ gibt es keinen Anlass, bei Wikipedia lautet die Einschätzung seiner Bedeutung: „Das Pew-Forschungszentrum wird von der Presse zitiert, um weltweite Umfragen zu Themen wie Religiosität, Selbst- und Fremdeinschätzung von Anhängern verschiedener Religionen zu fundieren.“ Ich habe dagegen keine wissenschaftlichen Institutionen oder etablierte Wissenschaftler finden können, die das PEW referenzieren – und auch keine Zitate in wissenschaftlichen Publikationen.
  • Das Dokument genügt offensichtlich nicht einmal wissenschaftlichen Mindeststandards – selbst auf Verweise und eine Literaturliste wurde verzichtet.
  • Der von Dietrich Alexander wörtlich zitierte „Pew-Direktor für Religionsforschung, Alan Cooperman“ ist kein Wissenschaftler, sondern verfügt lediglich über einen Bachelor’s degree (Für meinen Jahrgang: Vergleichbar mit dem Vordiplom) in Government (Verwaltungswissenschaft).
  • In dem Papier werden zwar ein paar Wissenschaftler als Beitragende genannt und ihnen wird für „Input und Analyse“ gedankt (was alles und nichts heißen kann). Als Autoren werden sie jedoch nicht genannt und damit stehen sie nicht für das Ergebnis gerade, haben das Papier evtl. sogar nie gelesen.
  • Daneben sind selbst mir als Laien der Demografie beim Überfliegen ein paar methodische Ungereimtheiten aufgefallen (die auszuführen jedoch diesen Beitrag sprengen würden).

Zusammenfassung 2: Dietrich Alexander gibt sich große Mühe, seine Quelle als eine ernst zu nehmende wissenschaftliche Arbeit darzustellen, obwohl sie alles andere als das ist. Das Gegenteil wäre einfach, ohne journalistische Ausbildung und ohne die Infrastruktur eine Tageszeitung herauszufinden gewesen.

Wie ich gezeigt habe, hat Dietrich Alexander die Veröffentlichung einer US Interessengruppe zu einer wissenschaftlichen Arbeit hochgejazzed. Und weil die Aussagen ihm immer noch nicht passten, hat er sie zurecht gebogen und etwas hinzugedichtet. Ist das nun Absicht – oder vielleicht einfach dem hektischen und stressigen Redaktionsalltag geschuldet – wie eine pensionierter Journalist ein warf, als ich mich initial über den Artikel aufregte? Eine abgeschriebene Agenturmeldung vielleicht?

Die ursprüngliche Überschrift – von der Welt geändert

Dagegen spricht:

  • Dietrich Alexander ist nicht etwa ein Praktikant oder unerfahrener Redakteur, sondern immerhin stellvertretender Ressortleiter Außenpolitik bei der „Welt“.
  • Der Artikel ist recht umfangreich und zitiert Cooperman wörtlich und erweckt damit zumindest den Eindruck, dass mit ihm persönlich gesprochen wurde.
  • Die Welt hat sich immerhin die Mühe gemacht, das Datenmaterial in einer interaktiven Grafik aufzubereiten. Trotz all dieser Mühe ist offensichtlich kein Kontakt zu einem deutschen Wissenschaftler aufgenommen worden, um eine Einschätzung, Stellungnahme oder eine zweite Meinung einzuholen.
  • Das Thema Islam ist aktuell in Deutschland heiß diskutiert – es ist abzusehen, dass interessierte Gruppen und Personen solche Darstellungen aufgreifen und für ihre Zwecke benutzen – und insofern haben gerade Journalisten eine besondere Sorgfaltspflicht. Es gibt im Artikel sogar einen Passus, der das direkt nahelegt – da schreibt Alexander von „Demografischer Dschihad“.  Er kennt also die Diskussionen, die er selbst befüttert.
  • Ich habe Dietrich Alexander vor mehr als 2 Wochen per E-Mail angeschrieben und auf die Fehler und Mängel aufmerksam gemacht. Er hat nicht reagiert – und bis heute steht der Artikel unverändert im Netz.

Ich werfe deshalb Dietrich Alexander deshalb vor, mit einem nur scheinbar journalistischen Beitrag die Leserinnen und Leser der Welt in eine ihm genehme Richtung zu manipulieren und damit massiv gegen journalistische Standards und Ethik zu verstoßen.

Meine aktive Zeit als Journalist liegt nun schon einige Jahre zurück. Aber solche Standards und Ethiken sind heute, wo die Presse in der öffentlichen Kritik und in Konkurrenz zum Internet steht, wichtiger denn je. Wenn Journalisten die Fakten verdrehen, um sie ihren politischen und gesellschaftlichen Ansichten anzupassen, dann muss das benannt und kritisiert werden. Damit es bedauerliche Einzelfälle bleiben, statt der ganzen Branche zu schaden.

 

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