Meine LeserInnen hier im Blog neigen ja weniger zu Kommentaren, insofern sind Reaktionen hier eher selten. Kürzlich habe ich jedoch einen Kommentar erhalten, der mich vor ein Rätsel stellte und den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Nachdem ich zunächst etwas verblüfft war, was mir dass nun sagen soll, habe ich die Methoden der klassischen Textanalyse und des Profiling (bekannt aus Krimis und TV-Serien) verwendet, um herauszufinden, was nun genau gemeint ist. Hier mein Erkenntnisse:

Zunächst zur/m Autor/in:

Er/sie nennt sich selbst „rechthaber“. Das könnte ernst gemeint sein, oder ironisch. Da der Text keine weiteren Hinweise auf Humor oder Ironie enthält, ist es nicht ganz abwegig, anzunehmen dass wir es hier mit einer Person zu tun haben, die sehr von sich überzeugt ist und wenig zu Selbstzweifeln neigt und über ein ideologisch gefestigtes Weltbild verfügt.

Die verwendetet E-Mail Adresse enthält als Domain „fuckyou.de“  (Sachen gibts!). Es ist jedoch anzunehmen, dass sich der Besitzer dieser Domain nicht selbst den Alias „penis“ zuordnen würde. Er hat dieses mir gegenüber auch bestätigt. Insofern darf ich wohl davon ausgehen, dass diese E-Mail Adresse falsch ist.

Dennoch liefert sie interessante Hinweise:

  • Die hier doppelt ausgedrückte, prä-pubertäre Faszination für das Sexuelle lässt auf eine männliche, noch pubertierende Person schließen.
  • Die Tatsache, das der Autor nicht versteht, dass er sich damit selbst als „penis“ bezeichnet (Absenderadresse!) deutet auf eine nicht besonders ausgeprägt Intelligenz hin (sofern wir Humor / Selbstironie weiterhin ausschließen).
  • Drückt sein („Penis“) Wunsch, mich zu ficken („fuckyou“) gar eine (unterdrückte) homoerotische Neigung aus?

Natürlich sind das alles nur Indizien, die Datenbasis ist zu gering, um sichere Schlüsse zu ziehen. Dennoch hat er diese Art der Selbstdarstellung vermutlich nicht rein zufällig gewählt.

Zusammen mit der Uhrzeit des Eintrags (4:09 Nachts an einem Dienstag) könnte man auf eine mangelnde elterliche Aufsicht und/oder das Fehlen einer stabilen, befriedigenden Beziehung schließen. Eine regelmäßige, normale Erwerbstätigkeit ist eher unwahrscheinlich.

Die IP Adresse habe ich unkenntlich gemacht, sie weist jedoch auf den ländlichen Raum in Hessen hin, bei einem  großen Provider, der überwiegend von konservativen Familien gewählt wird. Weniger von Leuten, die sich selbst „penis“ nennen.

Auffällig ist auch die Rechtschreibung (beziehungsweise deren Fehlen). Die radikale Kleinschreibung (früher mal ein Stilmittel des linksradikalen RAF /RZ Umfeldes, was sich hier sicher ausschließen lässt) und das Fehlen jeglicher Zeichensetzung deutet auf eine Herkunft aus dem jugendlichen, bildungsfernen, potentiell sogar rechtsradikalen Milieu hin. Im rechtsradikalen Umfeld wird die deutsche Sprache ja erstaunlicher Weise extrem nachlässig behandelt. Auch die verschrobene Logik und der möglicherweise ausgedrückte Wunsch mich tot zu sehen (siehe unten) weist in diese Richtung.

Dagegen spricht, das der Autor immerhin 30 einfache Worte ohne jeden Schreib- und Tippfehler hinterlassen hat und den Konjunktiv nicht nur beherrscht, sondern auch korrekt anwendet (Zufall?).

Inhaltsanalyse:

  • „ich finde es eher peinlich wie links diese seite aufgezogen wird „

Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wie man eine Seite „aufzieht“ (interessante Wortwahl), würde ich mich eigentlich nicht als „Links“ bezeichnen. Es sei denn, ein gesunder Menschenverstand, eine kritische Grundhaltung, eine humanistische, friedliebende Grundüberzeugung, christliche Werte und ein solides Geschichtswissen und –interesse sind die Definition von „Links“. Das habe ich bisher anders gesehen, werde es aber sorgfältig prüfen.

Naheliegender ist jedoch, dass der Autor ein Problem mit Menschen hat, die seinem Weltbild nicht entsprechen und seine Meinung nicht zu 100% teilen und der diese Menschen dann pauschal als „Links“ abstempelt.

  • „nur um sich wegen etwas aufzuregen“

Eine erstaunliche Kausalkette: Ich ziehe die Seite „links“ auf (um bei seiner Wortwahl zu bleiben), um mich über etwas aufzuregen? Hm, habe ich das historische Versagen des Coca-Cola-Konzerns (der Artikel unter dem dieser Kommentar gepostet wurde) etwas von langer Hand geplant, mein Blog jahrelang darauf vorbereitet und bin nun an meinem Ziel angelangt? Nein, vermutlich will er mir das nicht sagen.

Meint er vielleicht, das es typisch Links ist, sich überhaupt aufzuregen? Oder nur darüber, dass Coca Cola den Nationalsozialismus als „gute alte Zeit“ bezeichnet? Tun das „Rechte“ etwa nicht? Hat die CDU etwa keine Problem damit, das 3.Reich als „gute alte Zeit“ zu bezeichnen? Ich hoffe doch sehr!  Und Geschichtslehrer (Partei-unabhängig) sollten sich aufregen. Sehr! Vielleicht hat der Autor in Wahrheit ein Problem mit seinem Geschichtslehrer? Hat Sigmund Freud was dazu geschrieben?

Habe ich mich eigentlich aufgeregt? Es gibt soviel auf der Welt über das man ich mich mehr aufregen könnte und sollte als diese Peinlichkeit des Coca Cola Konzerns. Dann käme ich aber aus dem Bloggen nicht mehr heraus und würde meine LeserInnen vermutlich tödlich langweilen. Nein, dieses Versagen habe ich ausgewählt, weil ich mich für Marketing, Geschichte und Bildungspolitik interessiere und diese Millionen-Euro-Kampagne ein absolut peinliches Versagen in diesen Gebieten belegt. So peinlich, dass es schon wieder lustig und unterhaltsam ist. Deshalb hab ichs gebloggt.

Aber ich stelle fest, dass das nicht jeder „penis“ begreift. Naja, ich schreibe ja auch nicht für jeden. Und zwingen keinen, mein Blog zu besuchen.

Aber weiter:

  • „hätte es keine nazis gegeben wärst du heute tot“

Hier verliert mich der Autor leider komplett. Man kann mit Recht behaupten, dass sehr viele Menschen NICHT gestorben wären, wenn es die Nazis nicht gegeben hätte. Juden, Schwule, (deutsche, amerikanische, spanische, englische, französische, polnische,…)  Soldaten, Kommunisten, Anarchisten, Behinderte, … Man kann sogar davon ausgehen, dass es ohne die Nazis die deutsche Teilung und die DDR nicht gegeben hätte. Die EU vielleicht auch nicht (so wie heute).  Aber warum ich heute tot sein sollte – diesen Zusammenhang kann ich beim besten Willen und mit viel Phantasie nicht herstellen (und ich kenne echt viele abgedrehte Verschwörungstheorien!).

Natürlich kann man wilde Szenarien konstruieren (wie das Filme wie Terminator 1-x und 12 Monkeys spannend tun), aber da der Autor es nicht mal für nötig hält auch nur eine Hinweis zu geben, aus welcher Richtung er damit kommt, ist das nicht mehr als ne Idee für einen Kreativschreibwettbewerb: „Warum ich heute tot wäre, wenn es die Nazi nicht gegeben hätt“. Auf so Ideen muss man erst mal kommen.

Nun zum Besorgnis erregenden Teil:

  • „wärst du heute tot (wäre besser)“

Mein erster Reflex: Droht er mir etwa? Nein, etwas für besser zu halten, ist keine Drohung.

Wünscht er mir den Tod? Die Behauptung eines gesellschaftlich vorteilhaften Zustandes („wäre besser“) drückt zwar nicht zwangsläufig auch den Wunsch, dass dieser Zustand auch eintritt. Dennoch ist es naheliegend, einen Zusammenhang zu vermuten.

Warum aber sollte jemand den Tod einer anderen Person wünschen?  Die er nicht einmal persönlich kennt? Nur

  • weil diese Person etwas kritisches gegen den Coca Cola Konzern sagt?
  • weil diese Person etwas gegen Nazis hat?
  • oder weil ihre Meinung oder ihr Stil nicht gefällt?

Klingt irgendwie nicht OK. Irgendwie überzogen.

Und: Wäre es gesamt-gesellschaftlich wirklich besser? Ich arbeite zur Zeit Vollzeit und zahle Steuern in einer eher hohen Steuerklasse. Während der Autor dieser Zeilen vermutlich zur Schule geht und damit aus (meinen) Steuergeldern finanziert würde. Vielleicht finanziere ich sogar sein Kindergeld mit. In sofern wäre mein verfrühtes Ableben nicht im Interesses des Autors des Kommentars gewesen.

Natürlich kann sich die Situation auch umkehren – eines Tages wird der Autor vielleicht mein Rente zahlen dürfen. Was aber angesichts der nächtlichen Posting-Zeiten eher unwahrscheinlich ist. Aber man kann ja nie wissen.

Vielleicht ist dieses „wäre besser“ auch nur ein unbeholfener Versuch, seine Ablehnung meiner Person (oder gar nur meiner Ansichten) auszudrücken. Da jedoch auf jede inhaltliche Auseinandersetzung verzichtet wird, kann ich wenig daraus lernen und habe keine Chance seine Ansichten wenigstens zu verstehen. Was aber auch darauf hinweist, dass er keine Interesse an einem Dialog hat (oder dazu nicht fähig ist) und eher ideologische Positionen vertritt.

 

Oder wie Calvin das mal so schön ausdrückt:

„Verwirr mich nicht mit Argumenten.“

 

 

Siehe auch:

Hajo Funke in Darmstadt: Nazis in Hessen und die rechtspopulistischen Bewegungen

Wie der Hass entsteht… dank Springer

 

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