Subtropisches DarmstadtTag 403

Der 403. Tag ohne Sonne. Neuer Rekord. Auch wenns jeden Tag mal mehr, mal weniger Regen bedeutet. War besser so. Sonne zwang uns, in den Baracken, Tunneln und Behausungen zu bleiben. Sonne verbrannte einem in wenigen Minuten das Fleisch. Bei Sonne hätt ich meinen Job nicht so schnell erledigen können. Schutzanzüge gabs hier draußen nicht. Für sie sowieso nicht.

Heute ist mein letzter Tag. Letzte Nacht hatte ich meinen Auftrag erfüllt und in wenigen Stunden werd ich in die Kuppel ziehen. Ich werde Julie mitnehmen und endlich ein schönes, sauberes Leben führen. Weit weg von der Scheiße hier.

Wo war sie überhaupt? Ich musste es ihr noch sagen. Würde nicht schön werden. Sie hing an ihren minderwertigen Freunden. Aber sie gehörte mir und sie würde sich schnell eingewöhnen in der Kuppel.

„Julie?“

Keine Antwort. Wo war meine Julie? Das Bett war wie immer klatschnass. Ich rappelte mich mühsam auf. Noch zerschlagen vom Alkohol. Eine notwendige, aber nicht unerfreuliche Begleiterscheinung meines Auftrags. Drinnen gab es keinen und auch nicht die damit verbundene Degeneration. Das war sinnvoll, aber auch schade. Drinnen gab es nur dieses chemische Zeug, das beruhigte und beschwingte. Soma. Hier gehörte der Alkohol zur Tarnung. Und ohne war es kaum auszuhalten.

Wieso antwortete Julie nicht? Das Schlafmittel sollte sie doch wenigstens 8 Stunden außer Gefecht setzen. Wie spät war es? Mist, schon nach 10. Verschlafen. Scheiße, das passierte mir sonst nicht. Fuck, jetzt musste ich mich beeilen. Ich zog mir gerade meine schmutzigen Hosen über, als ich die Tür hörte.

„Julie?“

„Ja, Rob?“

„Wo warst du?“

„Ich hab Angelina nach Hause gebracht. Sie fühlte sich nicht gut.“

„Hat sie schon wieder hier geschlafen? Ich hab dir doch gesagt, dass ich das nicht will.“

Natürlich hatte sie hier geschlafen. Das war ja mein Plan gewesen. Aber Julie sollte ruhig denken, dass ich dagegen war. Angelina war Julies beste Freundin und sie würde mir nie verzeihen, was wir ihr angetan hatten, falls sie je davon erfuhr.

„Wir sind auf dem Sofa eingeschlafen. Wir waren ganz plötzlich hundemüde. Habs nicht mehr ins Bett geschafft. Bist du mir böse?“

Ich liebte es, wie sie da so ängstlich mitten im dunklen Raum stand und meinen Wutausbruch fürchtete.

„Nein Julie, ich liebe dich doch. Und ich habe eine gute Nachricht. Das alles hier hat jetzt ein Ende. Ich habe einen Platz für uns in der Kuppel. Wir gehen hier weg. In Kürze werden sie uns abholen.“

„Aber, warum…? Wie…?“

„Du weißt doch, dass ich ab und an für die FAG arbeite. Sie belohnen mich. Und ich darf dich mitnehmen.“

„Aber so kurzfristig? Ich wollte doch heute mit Angelina… “. Sie war manchmal etwas langsam, aber sie begann zu begreifen, was das bedeutete. Ich konnte die Gedanken in ihrem Gesicht lesen, bevor sie sie aussprach.

„Kann Angelina mitkommen? Und meine Mutter?“.

„Julie, ich habe nur zwei Plätze. Du weist selbst, wie begehrt die sind, jetzt, wo die Kuppel voll ist.“

„Versuch es“, flehte sie. „Deine Arbeit ist sicher wertvoll für sie“.

„Julie, das ist nichts, worüber man verhandeln kann. Es ist ein Geschenk. Die Kuppel wird unser Leben verändern. Wir kommen endlich aus dem Regen raus, aus dieser widerlichen Feuchtigkeit. Aus dem Schimmel. Wir werden genug zu Essen haben und müssen nicht ständig fürchten, verbrannt zu werden.“

„Aber ich kann doch meine Mutter nicht zurücklassen.“

Ja, ihre Mutter. Die Sonne hatte sie getroffen, als sich plötzlich eine Lücke in der Wolkendecke auftat. Gesicht und Oberkörper waren schwer verbrannt. Die Wunden verheilten nicht – wegen der elenden Feuchtigkeit und dem Schimmel. Ohne Julies aufopfernde Pflege würde sie in wenigen Tagen sterben. Doch davon würde ich mir die Zukunft nicht versauen lassen.

„Deine Mutter wird ohnehin bald sterben. Du willst doch unser Glück dafür nicht aufgeben.“

Ich sah, dass das nicht die richtige Antwort war. Falls es überhaupt eine gab. Sie ließ sich aufs Sofa fallen und flennte. Ich hasste es. Ließ sie sitzen und ging in die Kammer, die uns als Küche diente und begann die Bretter von den Wänden zu reißen. Das wenige Metallgeschirr machte einen riesigen Radau, als es zu Boden fiel. Dazwischen rollten schmutzige, verkratze Plastikteile. Als ich genug Unordnung angerichtet hatte, drehte ich mich zur Tür, um draußen weiterzumachen. Julie stand dort und sah mich entsetzt aus verheulten Augen an.

„Warum machst du das?“

„Alle sollen denken, dass die Polizei uns abgeholt hat. Es muss nach einer Razzia aussehen.“

Vor allem sollten sie uns nicht mit dem in Verbindung bringen, was kam. Nicht, dass es etwas ändern würde. Aber der Befehl lautete: Alle Spuren verwischen. Das würde ich tun. Schon deshalb konnte sie nicht zurück bleiben. Entweder kam sie mit, oder die Cops würden sie beseitigen. So, wie sie alle Aufrührer beseitigten, zu denen ich sie in den letzten Monaten geführt hatte.

„Geh und pack zusammen, was du mitnehmen willst. Es wird schön werden in der Kuppel. Wirklich. Du wirst sehen.“

Natürlich würde sie nichts aus dieser Welt mit in die Kuppel nehmen dürfen. Aber sie hatten mir geraten, ihr das zu erzählen. Weil sie dann beschäftigt sei und sich beruhige. Sie kannten sich aus. Sie hatten schon einige verdiente Undercover Cops in die Kuppel geholt.

„Ich gehe aber nicht mit in die Kuppel. Ich gehört hier her. Zu meiner Mutter. Und zu Angelina.“

Das hatte ich befürchtet. Aber das hatte meine schöne Julie nichts zu entscheiden. Ich hatte sie nicht aus der Prostitution geholt und sie – und ihre verdammte Mutter – die ganzen Monate durchgefüttert, nur um sie jetzt zurückzulassen. Mein Auftrag war erledigt und sie war Teil meiner Belohnung.

„Julie, du wirst es lieben in der Kuppel.“ Ich ging langsam und freundlich sprechend auf sie zu. „Du wirst schöne Kleider haben, du wirst dich schminken können. Du wirst in warmen, trockenen Betten schlafen und du wirst einkaufen gehen – so wie es unsere Großeltern gemacht haben.“

Sie sah meinen Schlag nicht kommen, bevor er sie traf. Sank graziös in sich zusammen. Ich fing sie zärtlich auf und legte sie auf den Lehmboden. Sie hätte es einfacher haben können. Jetzt durfte ich keine Zeit mehr verlieren. Schnell zertrümmerte ich die restliche Einrichtung. Verspritzte Kunstblut. Nur so viel, um unsere Gegenwehr und die übliche Brutalität der Cops glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Dann stürmten sie herein. Die neue Generation Chopper näherte sich völlig geräuschlos. Damit die Verdächtigen nicht gewarnt wurden. War ein Zielobjekt erst einmal aus der Behausung heraus, war es fast unmöglich, es in dem unübersichtlichen Gewirr aus Baracken, Grünzeug und Gängen, die keiner Logik folgten, wieder zu erwischen.

Durch jede Fensterluke einer, zwei durch die Türe, zwei durch den Hintereingang. Zeitgleich. Sie machten das so professionell, wie die Ausbilder es uns an der Akademie beigebracht hatten. Aber es waren keine Cops meiner Einheit. Es waren Kuppel-Cops. Das erkannte ich sofort, obwohl sie unsere Uniformen trugen. Ohne Worte wurde ich auf die Bahre befohlen und festgeschnallt. Julie packen sie unsanft auf die Andere. Wir wurden nach oben gezogen. Ich sah noch, wie einer von ihnen Feuer legte. Es würde nur kurz brennen. Wegen der elenden Feuchtigkeit. Dann war ich im Chopper. Die Aktion hatte nicht mal zwei Minuten gedauert. Echte Profis. Ich hatte es geschafft.

Oben wurde ich befreit und suchte mir einen Fensterplatz, während wir zur Kuppel am Horizont schwebten. Seit langem sah ich das Rhein-Main-Gebiet mal wieder aus der Luft. Unter den düsteren Wolken erstreckte sich – da, wo früher einmal das Ried war – eine endlose Mischung einfacher Hütten, Bracken und subtropischem Dschungel. Dazwischen immer wieder mehrstöckige Festungen der Banden, die mit der FAG kooperierten und die Versorgung der Kuppel sicherstellten.

Die KuppelIn der Ferne konnte man im Dunst die Lichter der Frankfurter Kuppel erahnen und der Rhein schob sich träge und breit durch die Szenerie. Überall hingen Nebelschwaden in der Luft. Der ständige Regen traf auf einen warmen, mit Feuchtigkeit gesättigten Boden und verdunstete gleich wieder.

Früher war nur ein Teil des Gebietes hier besiedelt. Früher gab es hier Felder. Dann wurde es immer wärmer und mit der Wärme kam der Regen. Erst etwas häufiger, dann immer und immer wieder, bis das Ende eines Regenschauers kaum vom Anfang des Nächsten zu unterscheiden war. Die erhöhten Temperaturen verdunsteten auf den Weltmeeren so viel Wasser, das in wenigen Jahren eine geschlossene Wolkendecke entstand – nicht nur über Europa, sondern fast überall auf der Welt.

Die Stimmung der Bevölkerung aber wurde bedrückter und aggressiver – der Mangel an Sonnenlicht. Die Akzeptanz von Regierung und Polizei sank. Angesichts der immer schlimmer werdenden Wohnungsnot in den Metropolen Frankfurt und Darmstadt begann die wilde Besiedlung. Und es begann der Aufstieg der FAG.

Die FAG war früher irgendeine Aktiengesellschaft gewesen. Nach und nach begann sie, auch staatliche Funktionen zu übernehmen. Sie finanzierte eine Privat-Polizei, die in immer mehr Bezirken die wirkliche Macht ausübte, sie finanzierte elitäre Schulen, baute geschlossene Wohnquartiere, organisierte Sport-Veranstaltungen und verteilte Essen an alle, die für sie arbeiteten.

Ich wurde noch vor dem Sky Spray geboren. Irgendeine Regierung beschloss während meiner Kindheit, den CO2-Überschuss in der Atmosphäre mit Chemie zu bekämpfen, um das Klima wieder in den Griff zu bekommen. Was deren Experten übersahen: Die Chemikalien schädigten die Ozonschicht in einem Maße, dass sie ihre schützende Wirkung weitgehend einbüßte und Sonne vom ersehnten Wunsch zum Horror wurde. Hunderttausende starben damals allein in der Rhein-Main-Region an Verbrennungen. Auch meine Eltern traf es. Hautkrebs tötete sie in wenigen Monaten. Ich war neun Jahre alt.

Damals löste sich alles auf, was wir kannten. Die Polizei wagte sich nicht mehr raus, weil die Gefahr durch die Sonne zu groß war. Die FAG brauchte Leute, die nichts zu verlieren hatten und bereit waren, fürs reine Überleben große Risiken einzugehen. Menschen wie mich, einen neunjährigen Waisen.

Und dann baute die FAG die Kuppeln.

 

Tag 410

Julie hatte die Ankunft in der Kuppel gut verkraftet. Während der Quarantäne und der Sterilisation hatten sie sie betäubt. Danach bekam sie eine Weile Beruhigungsmittel. Inzwischen hatte sie sich mit dem Soma arrangiert und nahm es sogar freiwillig. Sie sprach nicht viel, war noch beeindruckt von der Kuppel. Ich natürlich auch.

Hier in der Darmstädter Kuppel ist es unglaublich. Essen im Überfluss, modernste Technologie, schöne Menschen, saubere Straßen, volle Kaufhäuser. Ich war vorher noch nie in der Kuppel gewesen. Wir normalen Cops lebten außerhalb. Direkt an ihrem Rand zwar, aber draußen. Drinnen leben durften nur diejenigen, die sich für die FAG besonders verdient gemacht hatten. Wir Vorstädter hofften darauf und riskierten dafür alles bei der Verteidigung der Kuppeln gegen die Wilden und bei der Versorgung mit Rohstoffen und Lebensmitteln. Wilde wie Julie hatten überhaupt nur eine Chance in die Kuppel zu kommen, wenn ein Auserwählter wie ich sie mitnahm.

Heute werden wir heiraten. Im berühmten Fünf-Finger-Turm. Julie hat nicht widersprochen.

 

In der Darmstädter KuppelTag 442

Ich fühle mich elend. Müde, zerschlagen, fertig. Warum? Alles ist doch so gut hier. Ich muss kaum arbeiten. Keine Einsätze mehr außerhalb der Kuppel. Sie war jetzt komplett abgeriegelt. Wir warten auf den Erfolg meines Einsatzes. Ich sollte das Leben hier genießen. Alles war perfekt. Doch ich fühle mich mies. Was war bloß los mit mir?

Julie dagegen hat sich bestens eingelebt. Schon unsere Hochzeit war eine unglaublich Party. Sie hatte zum ersten Mal richtig Freude gezeigt. Ich hatte die Kollegen meiner neuen Einheit eingeladen und wir hatten alle viel Spaß. Einer hatte sogar Alk eingeschmuggelt. Hätte nicht gedacht, dass das in der Kuppel möglich ist. Aber wir Cops finden halt immer Wege. Irgendwann bin ich besoffen umgekippt. Aber ich hatte Spaß und Julie hatte auch Spaß und seither ist sie richtig viel unterwegs auf Events, Vernissagen und Partys. Hätte nie gedacht, dass es hier so einfach mit ihr wird – früher war sie viel komplizierter.

Wenn ich selbst nur nicht so verdammt kraftlos wäre. Gehe kaum noch mit ihr mit. Vielleicht sollte ich zum Arzt gehen.

 

Tag 445

Der Besuch beim Arzt war sinnlos. Nichts hat er gefunden. Hat von Eingewöhnungsproblemen geschwafelt, von der gereinigten Luft in der Kuppel. Idiot. Hab ich ihm so gesagt. Hat ihm nicht gefallen. Will sich melden wegen der Blutprobe.

 

Tag 448

Mein Kopf schmerzt. Etwas bedeckt meine Augen, macht mich blind. Meine Hände sind gefesselt. Erinnere mich an Lärm. Schläge. Kurz und brutal. So wie wir es gelernt haben. Cops. Warum? Was habe ich getan?

Ich bin allein mit meinen Fragen und Spekulationen. Bereit alles zu gestehen, wenn ich nur meinen Fehler kennen würde. Nach einer Unendlichkeit öffnet sich eine Tür. Ich höre es nur. Stuhlbeine, die auf Betonboden kratzen.

„Rob, was haben sie uns zu sagen?“

„Fuck!“, schreie ich ihn an.“Was wollt ihr von mir? Ich hab nichts Unrechtes getan!“

„Rob, sie kennen den Virus 2x35c?“

„Verdammt, natürlich! Das Scheißding hab ich auf die verdammten Wilden da draußen losgelassen.“

„Schildern Sie den Ablauf der Operation!“

„Ich habs gemacht, wie angeordnet. Ich habe Julie und ihre Freundin Angelina mit Alk und Schlafmittel high gemacht und gewartet, bis sie umgekippt sind. Dann hab ich Angelina das Zeug gespritzt. Als Nutte war sie die perfekte Verteilerin für den Virus. Die Chefs haben sie deshalb ausgewählt.“

„Aber sie war ihr Vorschlag gewesen?“

„Natürlich kam der Vorschlag von mir. Außer mir kannte sich ja keiner da draußen aus. Sie war perfekt dafür. Und als Julies beste Freundin hatte ich einfachen Zugang zu ihr.“

„Was ist dann schief gegangen?“

„Nichts! Natürlich nicht! Alles ist perfekt gelaufen.“ Ich hatte den Auftrag erfüllt. Deshalb war ich in der Kuppel. Was wollten die Idioten?

„Rob, wie erklären sie sich dann, dass sie mit dem Virus infiziert sind?“

Lüge. Das konnte nicht sein. Sie wollen mich provozieren. Ruhig bleiben. „Das kann nicht sein. Der Virus 2x35c wird nur über Kontakt mit Infizierten verbreitet. Die Inkubationszeit war noch nicht um, als wir abgeholt wurden. Ich kann nicht infiziert sein.“

„Dennoch sind sie es. Ihr Bluttest hat es unzweifelhaft bewiesen. Und sie haben hier in der Kuppel viele Personen mit 2x35c infiziert. Sie haben nur noch ein paar Tage zu leben. Wir sind nur hier, um herauszufinden, wie das geschehen konnte. Wer dahinter steckt. Antworten sie uns und ihnen bleiben viele Qualen erspart.“

Das konnte nicht sein. Er log! Ich protestierte, beteuerte meine Unschuld, nannte sie Lügner und schlimmeres.

Doch die Fragen kamen immer weiter. Drohend. Sachlich. Wütend. Immer wieder. Sie beschuldigten mich der Verschwörung. Gegen die Kuppel, ja sogar gegen die FAG. Drohten mit Drogen, mit Folter. Versprachen mir Nachsicht, Gnade, Immunität, falls ich gestehen und Hintermänner verraten würde. Ich war verzweifelt.

Bis ich es begriff.

Doch da waren sie schon gegangen. Ich schrie es – gefesselt und blind wie ich war – in meine Zelle. Doch keiner hörte mehr, was die Mikrofone aufzeichneten. Ich war längst nicht mehr wichtig. Ich konnte sie nicht mehr retten. Sie würden mich hier einfach sterben lassen.

Aber ich hatte verstanden.

Oh, wie dumm waren wir gewesen. 2x35c war genial designed. Er wurde sowohl über Flüssigkeiten als auch über Gegenstände übertragen. Auf kurzen Distanz sogar direkt über die Luft. Ein Infizierter war schon 18 Stunden nach der Infektion ansteckend. Doch Julie und ich sollten nie in Gefahr geraten – wir waren ja schnell genug weg. Und es gab nur eine einzige Person, die dafür gesorgt haben konnte, dass es anders kam: Julie.

Ich konnte nur spekulieren, ob sie zufällig die Spritze entdeckt hatte, mich durchschaute oder ob es von Anfang an eine Falle war. Aber sie musste sich selbst absichtlich infiziert haben und dadurch mich. So hatten wir den Virus in die Kuppel gebracht.

Und ich wußte: Die Darmstädter Kuppel war nicht mehr zu retten. Denn die Welt der Kuppeln war auf Vergnügen und Ablenkung ausgerichtet und dabei spielte Sex eine nicht geringe Rolle. Julie und ich hatten den Virus hier mehr als 40 Tage lang verbreitet. Zwar würden nicht alle am Virus sterben. Doch die Zahl der Menschen in einer Kuppel war wissenschaftlich optimiert – es wurden nicht mehr Menschen aufgenommen, als nötig, um als autarkes System funktionieren zu können. Die wenigen, die sich nicht infiziert hatten, würden die komplexe Technik schon bald nicht mehr bedienen können. Trinkwasserversorgung, Sanitärsystem und zum Schluss die Luftversorgung würden zusammenbrechen. Wenn nicht schon vorher Panik und Unruhen den Zusammenbruch brachten.

Und nicht nur die Darmstädter Kuppel. Durch den regen Luftverkehr zwischen den Kuppeln musste der Virus längst auf dem Weg um die Welt sein. Die FAG hatte einen Virus entwickelt, um die Wilden draußen zu bekämpfen und glaubte sich durch die Abriegelung der Kuppeln sicher. Doch nun wütete der Virus in den Kuppeln. Welch Ironie.

Mein einziger Trost war, dass ich nicht am Virus krepieren würde. Der Tod durch 2x35c war furchtbar. Sie hatten Ebola Sequenzen verwendet, die einen schrecklichen Tod bedeuteten. Aber ich hatte die Panik meiner Verhörer gespürt. Ihre Angst, bereits selbst infiziert zu sein, selbst grausam sterben zu müssen. Ich war hoch ansteckend. Sie hatten nicht einmal gewagt, mich zu foltern. Sie würden nicht mehr hierher zurück kommen. Julie – sie war ebenfalls irgendwo hier, da war ich mir sicher – und ich würden rechtzeitig verdursten. Und so dem Virus entwischen.

 

Tag 450

Ich habe nur noch schrecklichen Durst. Jedes Gefühl für meinen Körper und jedes Zeitgefühl ist verloren. Niemand ist mehr gekommen. Niemand kümmert sich noch um diejenigen, die den Tod zurück in die Kuppel trugen.

 

Draußen scheint die brennende Sonne auf die Kuppel – nur gelegentlich von einer Wolkenbank unterbrochen. Das Ried lag wie ausgestorben. Fast alle suchten Schutz vor ihren todbringenden Strahlen.

Angelina tat einen entschieden Schritt hinaus aus dem Schatten der Bäume ins Sonnenlicht.

 

 

Sonne nach 449 Tagen

 

 

Text & Fotos: Carsten Buchholz

 

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