Die Zeit ist aus den FugenKrieg steht vor der Tür. Die Führung des Staates ist Macht-besessen, bereit, über Leichen zu gehen und ignorant für die Nöte der einfachen Menschen. Die Politik wird dominiert von egozentrischen Unternehmern, die auf nichts als ihren Vorteil bedacht sind und von den Regierenden zum Machterhalt benutzt werden.

Nicht um Deutschland oder die USA geht es aber hier, sondern um Dänemark um das Jahr 1600 herum. Die Büchner Bühne Riedstadt erzählt William Shakespeares Geschichte von Prinz Hamlet in einer unglaublich dichten, spannenden Version. Dass die Inszenierung (die das nächste Mal am 27. Februar 2016 gezeigt wird) so erfrischen aktuell wirkt, ist natürlich vor allem der Verdienst des Großmeisters Shakespeare. Nicht nur, dass seine Stücke eine Komplexität, Tiefe und Einsicht besitzen, die auch heute noch – mehr als 400 Jahren nachdem sie geschrieben wurden – verblüffen. Hamlet gilt darüber hinaus weithin als sein Meisterwerk. Dennoch: Daran, dass mich diese Aufführung mehr begeistert, als jedes andere Theaterstück, dass ich in meinem (nun schon nicht mehr ganz kurzem) Leben auf einer Bühne gesehen habe, hat die Büchner Bühne ganz erheblichen Anteil.

Bevor ich versuche, zu ergründen, warum das so ist, aber eine Relativierung (Notwendig um Missverständnisse zu vermeiden): Ich bin keinesfalls ein Shakespeare-Kenner. Ich habe Hamlet vorher nie auf einer Bühne gesehen und ich habe das Stück auch bisher nicht gelesen. Aussagen zur Textreue der Inszenierung und Vergleiche mit anderen Inszenierungen des Stückes kann ich also nicht bieten.

Hamlet-SzeneAuch meine Theater-Erfahrungen sind – als großem Kino-Fan – vor allem die eines kritischen Begleiters. Auch wenn ich gerne ins Theater gehe und schon viele Stücke auf vielen verschiedenen Bühnen gesehen habe, so habe ich doch oft Enttäuschungen erlebt. Denn neben dem intensiven Kino muss Theater für mich – mit seinen beschränkten Mitteln – eine eigenständige und überzeugende Art des Ausdrucks finden. Das ist – zugegeben- nicht einfach.

Doch genau damit brilliert (zu meiner großen Überraschung) der Hamlet der Büchner Bühne. So sehr, dass ich es bereits zwei Mal angesehen habe und es mir ein drittes Mal ansehen werde und auf eine Video-Version hoffe.  So sehr, dass ich es tatsächlich allen Kino-Filmen des Jahres 2015 vorziehe und es in seiner Genialität mit Tarantinos Django Unchained vergleichen würde.

Das Ensemble schafft dieses, indem es die Zeit aus ihren Fugen hebt. Sowohl methodisch als auch inhaltlich:

Das Stück beginnt ganz historisch mit Rittern, König, Feldzügen, christlichem Glauben, mittelalterlichen Sitten und einem Geist. Hamlet studiert in Wittenberg, ist designierter Thronfolger und seine Verehrte darf ihn nicht begehren, weil sie nicht von adligem Stand ist. Doch nach und nach schleichen sich in das Stück Elemente ein (fast wie Regie-Fehler), die logisch nicht in dieses historische Bild passen. Einzelheiten will ich nicht verraten, doch heben diese Elemente das Stück immer mehr vom reinen Historienstück ab.Video- und Musik-Elemente kommen so geschickt zum Einsatz, dass sie die Aussage und Intensität tatsächlich erhöhen. Jedoch ohne daraus gleich „modernes“ Theater oder gar eine aktualisierte Hamlet-Version zu machen.

Hamlet:das drama findet statt - ob wir es spielen oder nichtDie Genalität der Inszenierung liegt gerade in der Spannung zwischen historischem Ursprung und der aktuellen Relevanz der Konflikte – zu deren Übertragung im Kopf des Zuschauers die Inszenierung zwar einlädt, ohne sie selbst zu vollziehen oder auch nur aufzudrängen. Hier gilt fürwahr:

Die Zeit ist aus den Fugen

William Shakespeares, Hamlet, 1. Akt, 5. Szene

Natürlich kommt der Shakespeare-Text dem sehr entgegen. Wie auch seine anderen Stücke glänzt Hamlet mit vielerlei treffend formulierter Erkenntnis, die noch heute brandaktuell ist und tiefe Einsichten in das menschliche Verhalten bietet, die (wenn überhaupt) erst sehr lange nach seiner Zeit Eingang in Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft fanden. Und wenn es im Stück auch um Fragen der Moral geht: „Gut“ und „Böse“ gibt es hier nicht – auch wenn sich der Zuschauer noch so sehr danach sehnt. Hilfreich deshalb, dass die Büchner Bühne sehr nah am Original-Text bleibt – anderes als die eher peinliche Inszenierung des Kaufmanns von Venedig im Staatstheater Darmstadt, die ich Anfang 2015 erleiden durfte.

Hinzu kommt, dass die Inszenierung die Charaktere in ein extrem dichtes und dynamisches Spiel verwebt. Kaum habe ich Zeit, um Luft zu holen, da kommt die nächste starke Szene, der nächste grandiose Auftritt, die nächste Konfrontation. Es ist ein wahrere Schwertkampf der Worte, der hier auf die Bühne gebracht wird. Das genial-einfache Bühnenbild und der Verzicht auf Umbaupausen kommt dem sehr zu Gute. Auch die – angesichts der Länge des Stückes notwendige – Pause (die bei der Aufführung im Staatstheater Darmstadt tatsächlich für einige Verwirrung sorgte) wirkt eher wie eine Unterbrechung des Flusses. Und es kostete mich einige Mühe, mir ins Bewusstsein zu rufen, dass ich auf der Bühne Schauspieler vor mir habe, nicht die echten Charaktere – so überzeugend verkörpern sie die Personen des Stückes. Fantastisch gespielt.

Angesichts dieser Intensität, die mir kaum Reflexion ermöglichte, war mir – wie mein zweiter Besuch zeigte – die Aufnahme und Würdigung aller interessanten Details gar nicht möglich. Auch auch jetzt habe ich weiterhin Lust, noch mehr in diesem Inszenierung zu entdecken und den Rausch der Emotionen noch einmal zu erleben.

Ich hoffe, ich werde es schaffen, auch an der Aufführung am 27. Februar 2016 teilnehmen zu können (meine Terminplanung für 2016 steht noch aus) und kann nur jedem empfehlen, den kurzen (oder auch langen) Weg nach Riedstadt zu wagen. Auch und gerade, wenn euch Shakespeare noch nicht vertraut ist und normale Theater euch vielleicht weniger interessiert. Die Büchner Bühne zeigt hier von beidem die allerbesten Seiten. In dieser Kombination ein Volltreffer.

Und ich hoffe, ich kann die Bühne überzeugen, dieses Theater-Ereignis auf Video aufzuzeichnen und der Nachwelt (und vor allem mir!) zur Verfügung zu stellen, wenn sie dieses Stück irgendwann nicht mehr aufführt. Denn ich bin kein Hamlet und kann den Schaustellern nicht ihren Spielplan diktieren (auch eine richtig gute Szene im Stück!) und es wäre eine Tragödie, wenn dieses Erlebnis dazu verurteilt wäre, in meinem Gedächtnis langsam zu verblassen. Es muss gar keine aus mehreren Kameraperspektiven zusammengeschnittene High End Version sein – eine einfache Aufzeichnung aus einfacher Zuschauerperspektive wäre über den Lebenszyklus der Aufführung hinaus eine tolle Werbung für die Bühne, Theater im Allgemeinen, Shakespeare und die gesamte Kulturszene in der Region.

 

Achtung: Spoiler drohen ab hier


 

Genug gelobhudelt. Drei kritische Anmerkungen seien mir nun erlaubt. Damit das hier nicht zur reinen Werbeveranstaltung wird – und ich nicht in den Verdacht der Bestechlichkeit gerate (und ja, ich habe auch meine Eintrittskarten jedes Mal selbst bezahlt):

  1. Auch wenn es mir erst beim zweiten Mal aufgefallen ist: Orphelia ist der einzige nicht ganz überzeugende Charakter der Aufführung. So sehr sie auch von Shakespeare zu einer passiven, erleidenden Rolle  verurteilt ist – sie könnte diese noch mit mehr Profil füllen, noch intensiver und selbstbewusster spielen. Sie wirkt unnötig blass gegenüber den anderen großartigen Auftritten. Hier ist tatsächlich noch Raum zum Wachstum.
  2. Kleidung. Hamletkleidung.  Weder den Anzug noch die Gestapo-Lederjacke fand ich passend. Kleidung ist – gerade in Hamlets Alter – der erste und einfachste Weg, Rebellion auszudrücken. Ich sah – wann immer er die Bühne betrat – einen Punk vor mir. Einen Menschen verloren in wütender, selbstzerstörerischer Rebellion gegen ein von ihm als verkommen, verbrecherisch angesehenes System. Ohne selbst einen Gegenentwurf präsentieren zu können. Ich könnte nicht sagen, ob das in Einklang  mit dem Original ist. Aber diesen Büchner-Bühne-Hamlet sah ich in jeder Szene als Punker vor mir. Nicht als einen dieser Mode-Punks mit stundenlang gestyltem Iro, sondern so wie wir sie vor dem Darmstädter Bahnhof und in der Luisenstraße sehen.
    Das muss kein Widerspruch zu seiner Stellung sein. Ein Sohn von Ernst Albrecht (in meiner Jugend langjähriger CDU Ministerpräsident von Niedersachsen) sei,  so hieß es damals, Punk gewesen sein. Hilflose Rebellion gegen den Vater. Besondere Ironie: Seine Schwester Ursula von der Leyen ist heute Bundesverteidigungsministerin. Sehr Shakespeare!
  3. Marketing: Eine Inszenierung wie dieses verdient mehr Aufmerksamkeit. Viel mehr Aufmerksamkeit. Keine der Aufführungen, die ich sah, war komplett ausverkauft. Natürlich sind Theater-Leute keine Experten im Marketing. Aber schaden könnte es nicht und wert wäre es sicher, etwas mehr Engagement hinein zu stecken. Mit wenig mehr (richtig gemacht) könnte man noch viel mehr Menschen erreichen.
    Gern helfe ich dabei (auch für andere Inszenierungen) – besonders gern sogar, wenn ich im Austausch eine Video-Aufzeichnung von Hamlet bekomme ;-). Der Trailer ist ein netter Anfang – aber auch er hat seine Schwächen – nicht Video-technisch, sondern als Marketing-Instrument.

Diese Anmerkungen sind keine wirkliche Minderung des Genusses der Inszenierung. Auch wer nicht hingeht, sei aufgerufen, diesen Artikel weiter zu verbreiten. Und wenn ihr hingeht, würde mich anschließend eure eigene Einschätzung (egal ob zustimmend oder ablehnend) als Kommentar freuen.

Die nächsten (und evtl. letzten?) Aufführungen: 27. + 28. Februar und  22. + 23. April 2016.

Die Mitwirkenden der Hamlet-Inszenierung der Büchner Bühne Riedstadt:

  • Mélanie Linzer
  • Tanja Marcotte
  • Finn Hanssen
  • Bastian Hahn
  • Oliver Kai Müller
  • Karsten Leschke
  • Valerie Bolzano
  • Alexander Valerius
  • Miriam Gadatsch
  • Leitung: Christian Suhr

Freunde der Musik von Klaus Nomi werden übrigens in der Aufführung auch eine erfreuliche Begegnung machen.

Update, 11.1.2015: Auch wenn ich überzeugt war, das eines der Musik-Stücke von Klaus Nomi war, musste ich mich korrigieren lassen. Christian Suhr, künstlerischer Leiter der BüchnerBühne, teilte mir mit:

In Ihrer […] Kritik erwähnen Sie überraschenderweise die Musik von Klaus Nomi – ich kenne und schätze ihn zwar, doch ist im HAMLET keinerlei Musik von ihm enthalten. Sämtliche Musiken sind Eigenkompositionen, die wir auch selbst produziert haben.

Ich würde jedoch behaupten, dass Freunde der Musik von Klaus Nomi auch an ein, zwei dieser Eigenkompositionen ihr Freude haben werden.

Mehr Infos auf der Web-Seite der Büchner-Bühne. Mehr Infos zum Stück.

 

Siehe auch:

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