Eigenschaften von Gütern: Ernährungs-, Informations-, Nutzungs-, Produktions-, Unterhaltungs- und Schönheitsfunktionen

Eigenschaften von klassischen Gütern

Bitcoins seien ein reines Spekulationsobjekt, hat neulich jemand – auf einen Beitrag von mir reagierend – behauptet. Spielgeld also. Nicht relevanter als Monopoly-Geld. Nur, das sich Leute davon Gewinn erhoffen.

Bevor ich erkläre, warum ich mich (aus gänzlich anderen Gründen) mit Bitcoins (und anderen Digi-Währungen) beschäftige, will ich diese Behauptung mal grundsätzlich ökonomisch (und Ergebnis-offen) untersuchen. Mir ist auf Anhieb kein anderes Ding eingefallen ist, dass nur zu Spekulationszwecken existiert und mit dem ich Bitcoins vergleichen könnte. Außer vielleicht Kasino-Jetons, aber die gibt es nur in einem kontrollierten Umgebung und werden nicht an Börsen gehandelt. Passen also schlecht als Vergleich.

Deshalb muss ich ein wenig weiter ausholen und betrachten, welche Funktionen (reale und virtuelle) Güter für uns haben, sodass wir nach ihnen streben. Klassische Güter haben Ernährungs-, Informations-, Nutzungs-(1), Produktions-(2), Unterhaltungs- und Schönheitsfunktionen. Einiges dient dem reinen menschlichen Überleben, anderes der menschlichen Weiter-Entwicklung und anderes vor allem dazu, damit unser unausgelastetes Hirn sich besser fühlt.

Recht früh wurden Geld und Geld-ähnliche Dinge erfunden, um Funktionen abzudecken,

Funktionen von Geld und Geld-ähnlichen Gütern

Funktionen von Geld und Geld-ähnlichen Gütern

die die klassischen Güter und deren Tausch nicht oder kaum erfüllten:

  • Transformationsfunktion – Wer eine Kuh hat und Nägel braucht, wird mit Tauschgeschäften wenig glücklich. Geld übersetzte den Wert der Kuh in den Wert von Nägeln und macht somit den Wert von Gütern vergleichbar.
  • Zahlungsmittelfunktion – Waren lassen sich nicht immer mitführen, um Tauschgeschäfte dann vorzunehmen, wenn man will – selbst wenn die Güter gut tauschbar sind. Geld erfüllte den Zweck, ein praktisches, allgemein akzeptierte Zahlungsmittel zu sein.
  • Wertaufbewahrungsfunktion – viele Güter sind verderblich oder bergen die Gefahr eines Wertverlustes. Geld und Geld-ähnliches war gefragt, um dieses Risiko zu mindern.
  • Besitzbeurkundungsfunktion – komplexere ökonomische Prozesse und Abhängigkeiten machten es erforderlich, auch den Besitz an Gütern aufzuteilen und zu dokumentieren. die entsprechenden Produkte (Aktien, ähnl. Wertpapiere, Hypotheken, Schuldscheine,…) würde ich auch zu den Geld-ähnlichen Dingen zählen.
  • Die Spekulationsfunktion relativ neu ist – zumindest vom ökonomischen Volumen her – der Versuch allein aus den Schwankungen der Preise kurz- oder langfristig Gewinn zu erzielen Schon früher wurde auch z.B. mit lagerfähigen Nahrungsmittel auf Missernten und ähnliches spekuliert. Doch erst der organisierte Austausch von Geld und Geld-ähnlichen Produkten an Börsen hat eine ganze lukrative Branche daraus gemacht. Am stärksten ist die Spekulationsfunktion sicherlich bei Futures (und ähnlichen Finanzmarkt-Derivaten), aber auch da ist zusätzlich immer die Wertaufbewahrungsfunktion gegeben. Ähnliche Vertragskonstrukte gibt es schon sehr lange (z.B. über die „Ernte vom nächsten Jahr“).

Dabei sind die Grenzen keineswegs hart: Gold, Silber und Diamanten zum Beispiel haben sowohl Real-Gut Funktionen (Produktionsfunktion, Schönheitsfunktion) als auch Geld-Funktionen (Zahlungsmittel {vorw.hist}, Wertaufbewahrung). Immobilien haben – neben ihren realen Funktionen – auch eine Wertaufbewahrungsfunktion.Einordnung von Geld-ähnlichen Produkten

Sind nun Bitcoin ein Geld-ähnliches Produkt, dass rein für Spekulationszwecke taugt? Für diese Bewertung für ich die oben betrachteten Funktionen darauf hin untersuchen, a) ob Bitcoins dafür geeignet sind und b) ob Bitcoins dafür genutzt werden.

Transformationsfunktion

a) Durch seine Zählbarkeit (im uns vertrauten Dezimalsystem) und Teilbarkeit sind Bitcoins gut geeignet um den Wert von realen Produkten zu bewerten und zu vergleichen. Durch seine hohe reale Teilbarkeit sind sie sogar besser als der Euro für digitale Produkte und Dienstleistungen geeignet, die einen Wert von weniger als einen Cent erreichen.

b) Bisher gibt es wohl kaum Menschen, die den Wert realer Dinge primär in BTC messen und benennen würden. Für andere Kryptowährungen – wie Ether, Zcash, Monero, Lisk ist – Bitcoin dagegen die wichtigste Maßeinheit – alle Börsen weisen deren Wert fast nur noch in BTC aus. Für internationale Micropayments sowie weltweit online vertriebene Computer-Games und Software könnte das bald folgen – es würde den Herstellern ersparen, ihr Preise in den verschiedensten Währungen zu kalkulieren und aktuell zu halten.

Zahlungsmittelfunktion

a) Ist definitiv gegeben, wie eine steigende Zahl von Online und inzwischen sogar Offline Geschäften beweisen, die Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren. Ich habe selbst inzwischen zweimal online mit Bitcoin bzahlt. In beiden Fällen war es nicht nur einfacher als mit der Kreditkarte zu zahlen – ich musste keinen Infos abtippen, sondern konnte mit Copy & Paste arbeiten – sondern auch günstiger. Dabei handelte es sich nicht um ein Sonder- oder Lockangebot für Bitcon Zahlungen, sondern ergab sich aus der Kombination von Kreditkartengebühr und Wechselkurs (Euro zu US-$).

b) Wieviele Menschen bezahlen / Transaktionen erfolgen tatsächlich in Bitcoin ? Quellen?

Wertaufbewahrungsfunktion

a) Da Bitcoins nicht verderblich oder einem anderen Zerfallsprozess ausgesetzt sind, eigenen sie sich grundsätzlich auch zur Wertaufbewahrung. Zwar unterliegen sie einen Kursrisiko, doch das ist auch bei Aktien, Immobilien, Euro und sogar Gold vorhanden und die Risikobewertung ist vor allem eine Frage der Einschätzung zukünftiger Entwicklungen.

Diese wird dadurch unterstützt, dass die enge an Bitcoins im Blockchain Protokoll fest und absolut (21Mio) begrenzt ist. Eine Inflation durch Ausweitung der Geldmenge (wie bei staatlichem Geld) ist daher nicht möglich.

b) Darüber, wie viele Bitcoins zur mittel- bis langfristigen Wertaufbewahrung eingesetzt werden, könnte eine Analyse der Bitcoin Blockchain interessante Einblicke geben. Die Tatsache, dass zunehmend bei ökonomisch-gesehen „externen Schocks“ (3) (Brexit, Trump-Wahl, Bargeld-Entwertung in Indien und Venezuela, Reform-Abstimmung in Italien) schlagartige Kursanstiege (bis zu 30%) bei Bitcoin zu verzeichnen waren, deutet darauf hin, dass es eine nicht kleine Zahl von Menschen gibt, die den Bitcoin für stabiler / sicherer halten als ihre eigene Währung. Daher würde ich sagen, dass eine Wertaufbewahrungsfunktion nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch gegeben ist.

Besitzbeurkundungsfunktion

a+b) Eine Besitzbeurkundungsfunktion ist bei Bitcoin nicht gegeben – einem Bitcoin steht kein realer Wert gegenüber. Gab es allerdings auch bei staatlichen Währungen nur zeitweise während der Goldbindung und war selbst damals mehr ein Versprechen als ein juristischer Fakt (anders als z.B. bei Aktien).

Grundsätzlich ist es jedoch mit den Blockchain Technologie möglich, auch CryptoCurrencies zu schaffen, die fest an digitale oder auch reale Güter gebunden sind. Meines Wissens gibt es auch erste Versuche in diese Richtung, die ich mir jedoch noch nicht näher angeschaut habe.

Spekulationsfunktion

a) Wie jedes elektronisch transferierbare Gut eignet sich auch Bitcoin für die Spekulation. Möglich ist sowohl Arbitrage –Spekulation (Nutzung von Preisunterschieden zwischen zwei Börsen), Daytrading (Nutzung von kurzfristigen Kurschwankungen) und Spekulation auf langfristige Kursgewinne möglich. Für Shorting ist meines Wissens bisher keine direkten Produkte / Angebote. Grundsätzlich besteht jedoch die Möglichkeit, Kredite in Bitcoin aufzunehmen und zu verkaufen, um sie später zu einem geringeren Kurs zurück zu kaufen und damit die Kredite zu begleichen.

b) Wird Bitcoin für Spekulation genutzt? Die entsprechenden Foren und Börsen sind voll von Beiträgen rund um dieses Thema und viele davon erinnern mehr an eine Goldgräberstimmung. So sieht jedoch auch die Realität aus: Wer früh genug bei Bitcoin eingestiegen ist und Ausdauer bewiesen hat, konnte eine unglaubliche Gewinnspanne realisieren (je nach Szenario z.B. 500% in fünf Jahren). Allerdings ergeht es der großen Masse wie damals bei den Goldgräbern: Die Volumen der meisten (80%) Trades – zumindest auf den Börsen, die ich mir bisher angeschaut habe – sind so gering (unter 1 Bitcoin), dass es zumindest Arbitrage- und Daytrading zu einer mühevollen Angelegenheit mit geringen Erträgen macht. Auch die anderen Trades bewegen sich meist deutlich unter 10 BTC (< 7.000€) . Also keinesfalls vergleichbar mit den Spekulationen an den Aktien- oder Währungsmärkten.

Eher eine Spielwiese. Was übrigens nicht überraschend ist: Aufgrund der geringen rein prozentualen Transaktionsgebühren, null Depotgebühren und eine möglichen Stückelung im Unter-Cent-Bereich sind Bitcoins eine ideale Spielwiese für Einsteiger, die real time trading ausprobieren wollen. Hier kann man schon mit ein paar Euro anfangen, mitzuspielen. Ob das sinnvoll und ertragsbringend ist, ist eine andere Frage, aber es erzeugt zumindest viel „Lärm“.

Macht es Sinn, mit langfristigen Spekulationsabsichten bei Bitcoin einzusteigen? Ich habe mir dazu ein meinen Überlegungen zur Bitcoin-Kursentwicklung ein paar Gedanken gemacht. Und sah –ein (mit Risiken verbundenes) Potential: Ich hielt vor 4 Monaten bei einem Kurs von rund 500€/BTC einen Kurs von 1.000/BTC für möglich. Inzwischen hat BCT die 750 € erreicht – viel schneller als ich für möglich gehalten hätte. Allerdings durch die oben genannten Schocks begünstigt.

Doch zurück zur Ausgangsfrage:

Kann mit Bitcoin spekuliert werden? Ja.

Wird mit Bitcoin spekuliert? Ja, wenn auch nicht annähernd in dem Umfang wie mit anderen Wertpapieren.

Machen Spekulationen den größten Teil des Bitcion Besitzes aus? Nein, dann wäre das tägliche Umsatzvolumen erheblich größer als es derzeit ist. Ich gehe davon aus, dass die meisten Bitcoin inzwischen über Jahre gehalten werden und daher vorwiegend der Wertaufbewahrung dienen (mit der Hoffnung auf langfristige Kursgewinne) – also sehr ähnlich wie bei Aktien.

Machen Spekulationen einen großen Teil der täglichen Bitcoin Übertragungen (von einer Person zur anderen) aus? Ja, vermutlich, da die Zahlungsfunktion von Bitcoin noch hinter ihrem Potential zurück ist. Das könnte sich jedoch schon in Jahresfrist ändern, angesichts einem abflauen der Goldgräberstimmung und der kontinuierlich fortschreitenden Ausbreitung von Bitcoin als Zahlungsmittel.

Sind große Kursauschläge in kurzer Zeit ein Zeichen für Spekulation? Nein, große Kursschwankungen sind lediglich Ausdruck von sehr unterschiedlichen Einschätzungen des Wertes eine Gutes oder einer Geldform (auf ökonomisch: steile Angebots- und Nachfragekurven (4)). Was dazu führt, dass bereits geringe Änderungen der angebotenen oder nachgefragten Menge zu großen Preisausschlägen führen und sogar als Signal/Information (miss-)verstanden werden und so zu einer Veränderung von Angebot und/oder nachfrage führen (die Kurven verschieben). Dass ist genauso auch bei Börsengängen von jungen Unternehmen und innovativen Wertpapier-Emissionen zu beobachten. je unterschiedlicher die Einschätzungen, desto größer die Kursausschläge.
Wenn dagegen weitgehende Einigkeit über den Wert einer Anlage besteht, sind die Reaktionen auf Mengenänderung von Angebot und Nachfrage meist sehr mäßig.

Würde ich in Bitcoin investieren? Ja, ich sehe Bitcoin weiterhin als eine interessante Werterhaltung-Anlage. Angesichts der niedrigen Zinsen und der weltwirtschaftlich eher durchmischen Perspektiven halte ich Bitcoin nicht nur für eine potentielles Investment, sondern auch für eine interessantere Risiko-Diversifikation als z.B. Gold (schon wegen der unattraktiven Depot-Kosten).

 


Mein eigenes Interesse an Bitcoin stammt jedoch aus anderer Quelle: Ich halte Crypto-Währungen und die Blockchain–Technologie für Technologien der Zukunft. Wer hätte in den 80er Jahren vorher gesehen, wie TCP/IP die Welt verändern würde? Vielleicht ist Bitcon so etwas wie Gopher – damals eine kleine Revolution in Programmierer-Kreisen, heute fast vergessen, aber der erste Schritt zum WWW. Vielleicht ist Bitcoin aber auch, wie E-Mail. Eine Erfindung so alt wie Gopher: Als ich noch zur Schule ging, gerade mal einer Hand voll von abgedrehten Computer-Freaks bekannt. Aber heute 95% aller schriftlichen Unternehmenskommunikation ausmachend.

Bargeld und EC/Kredit-Karten werden dagegen vielleicht schon in 10 Jahren das sein, was Briefpost und Fax heute sind: technisch existent, aber nur noch marginal relevant.

Bitcoin ist eine dezentrale Blockchain Anwendung, die nun seit 9 Jahren erfolgreich ohne einen zentralen Betreiber läuft. Funktionierend, Millionenfach getestet, ständig weiterentwickelt und: Mit bereits konkretem Nutzen und Vorteilen für die Anwender. Natürlich hat sie auch ihre Grenzen und Schwächen, die es jetzt auszuloten gilt. Damit die Technologie weiter entwickelt werden kann.

Und was für eine besser Möglichkeit gibt es, um eine neue Technologie kennen zu lernen, als sie selbst zu nutzen? So wie ich damals, im zweiten Untergeschoss des Rechenzentrums der Uni Konstanz, zum ersten Mal – aufgeregt – die lokale Gopher Adresse in die Tastatur des Großrechner-Terminals eintippte und mir auf dem schwarz-grünen Monitor zum ersten Mal ein Gopher Menü-entgegen strahlte. Und damit eine persönliche Entwicklung auslöste, die mein Leben bis heute bestimmt.

P.S.: Die erste Crypto-Währung, die ich gekauft habe, war übrigens nicht Bitcoin, sondern Ether. Und dieses Mal habe ich den Prozess sogar dokumentiert.

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Alle Abbildungen: Carsten Buchholz

Disclaimer: Was ich hier über Bitcoin & Blockchain schreibe, bedeutet weder Zustimmung oder Ablehnung zu diesen Technologien. Ich betrachte sie wie das Rad, den Buchdruck, die Elektrizität und das Internet: Innovationen, mit denen wir umgehen müssen – persönlich, politisch und gesellschaftlich. Und dazu müssen wir sie verstehen.

Disclaimer 2: Ich habe in die in diesem Artikeln genannten Digiwährungen investiert und profitiere daher von einem Kursanstieg.

 

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Alle Screenshots und Bilder: Carsten Buchholz

 


Fussnoten:

(1) Güter die sich verbrauchen, ohne dass neue (handelbare) Güter entstehen. Der Ernährungfunktion sehr ähnlich.

(2) Güter, aus deren Nutzung neue Güter entstehen

(3) Externe Schocks sind Ereignisse, die nicht (vorhersehbar) aus den (Handels-) Aktivitäten resultieren. Sie beeinflussen die Erwartungen und Werte  (Nutzenfunktion) der Handelnden.

(4) Hohe Angebot-/Nachfrageselastizität. Siehe Samuleson/Nordhaus: „Macroeconomics“ für Details.

 

Siehe auch:

Projekt Blockchain Business Services

Wie funktioniert Bitcoin?

Betrachtungen zur Bitcoin-Kursentwicklung

Stückchenmünzen-Lesestoff (aka Blockchain Article Collection)

Mein DAO Blockchain Experiment
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