Dieses Bild zeigt vermutlich William Shakespeare

Dieses Bild zeigt vermutlich William Shakespeare

Habe ja schon einige Jahrestage hier gespiegelt. John Cage, Georg Büchner. Jetzt jährt sich Shakespeares Todestag zum 400sten Mal. Letztes Jahr hatte ich schon seinen Hamlet in der Inszenierung der Büchner Bühne Riedstadt besprochen. Aus aktuellem Anlass (Erdogan-Affäre) habe ich mich entschieden, ihn mit ein paar seiner besten Beleidigungen zu begehen.

Ein paar Worte, wie es dazu kam, habe ich am Ende hinzugefügt. Hier erst mal das interessante Zeug:

 

1.) Inzwischen gerade voll modern bei der Jugend, aber eigentlich mehr als 400 Jahre alt

– also: voll Retro (wenn die das wüßten, *höhö*):

Villain, I have done thy mother

Oschloch, isch hab dein Mudda gefickt.(1)

Titus Andronicus – Act IV, Scene ii.

 

Aber machen wir doch vielleicht erst Mal etwas gemächlicher weiter:

 

2.)  Eleganter als „Doofmann“ und „Idiot“

You poor, base, rascally, cheating lack-linen mate!

Henry IV Part II – Act II, Scene iv.

Du billiger, niederträchtiger, gemeiner, betrügerischer, Hemd-loser Kerl (2)

 

3.) Verachtung als ich-Botschaft:

I am sick when I do look on thee

Ich werd krank, wenn ich dich schon seh.

A Midsummer Night’s Dream – Act II, Scene i.

Billiger Missbrauch wäre es jedoch, diesen Ausdruck aufgrund von oberflächlichen ästhetischen Merkmalen zu verwenden (Lookismus). Das wäre unter Shakespeares Standard.

.

4.) Eine Steigerung davon wäre:

Methink’st thou art a general offence and every man should beat thee

All’s Well That Ends Well – Act II, Scene iii.

Mir scheint, du bist ein allgemeines Ärgernis, und jedermann sollt dich prügeln. (3)

 

5). Betrug, Verrat, Illoyalität im engsten Familien- und Freundeskreis? Nicht nur Shakespeare-Liebhaber empfehlen diesen hier:

Thou art a boil, a plague-sore or embossèd carbuncle. In my corrupted blood.

King Lear – Act II, Scene iv.

Zu  Deutsch:

Bist eine Beule. Ein Pestauswuchs, ein schwellender Karfunkel. In meinem kranken Blute.

P.S.: Karfunkel ist übrigens nicht der Ex-Gesangspartner von Paul Simon 😉

Modern Remix (4):

You’re a pustule, a sore, a tumor digesting my bloodline.

 

6.) Gepflegte Verachtung

Would thou wert clean enough to spit upon

Timon of Athens – Act IV, Scene iii.

Dich zu bespucken, wär nur Speichel beschmutzen. (5)

Und das würde ja niemand dem armen Speichel antun wollen. Profis können das natürlich auch einfach nur mit einem einzigen Blick ausdrücken. Der Weg zu solcher Weisheit: Den Satz nur denken, höchstens flüstern. Niemals laut aussprechen oder gar brüllen. Das wäre extrem widersprüchlich. Würde dem Betreffenden zu viel Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Dann doch besser gleich spucken.

 

7.) Manchmal ist Spucken als Statement einfach nicht genug. Der gebildete Gentleman weiß sich zu helfen, ohne die Finger schmutzig zu machen:

I’ll beat thee, but I would infect my hands

Timon of Athens – Act IV, Scene iii.

 Dich schlagen würde Hände mir vergiften. (6)

 

8.) Jemand verschafft sich Vorteile durch Hinterhältigkeit und Zwietracht?  Shakepeare gab diesen einen Namen: 

Poisonous bunch-backed toad!

Giftige, bucklige Kröte  (7)

Richard III – Act I, Scene iii.

Mir fallen spontan allein drei Asterix-Charaktere ein, die dazu passen: Vor allem natürlich Tullius Destructivus, Greulix und der unerreichte Lügnix. Reale Personen kann ich hier aus Gründen des Datenschutzes nicht nennen, aber wenn du das je von mir hörst: Du bist gemeint!

 

9.) Die dümmste anzunehmende Aussage (DAA) wurde getätigt? Ein Facepalm ist nicht genug? Hier die richtige Antwort:

Thou sodden-witted lord! Thou hast no more brain than I have in mine elbows

Troilus and Cressida – Act II, Scene i.

Du Grützköpfiger! Du hast nicht mehr Hirn als ich im Ellbogen (8)

Alternativ eine starke Geste: Kann auch durch das elegante Tippen mit zwei Fingern (Zeige- und Stinke-Finger) gegen den Ellenbogen ersetzt werden. Dadurch outet sich ein echter Shakespeare-Insider :-).

 

10.) Was die feine Nase beleidigt, gehört gehörig geschmäht:

The rankest compound of villainous smell that ever offended nostril

The Merry Wives of Windsor – Act III, Scene v.

Kann man übersetzen mit:

Die ranzigste Komposition von mieserablem Gestank, die je Nüstern kränkte.

oder so, wie es etwas jüngere Jahrgänge vielleicht noch treffender ausdrücken würden:

Die krasseste Compilation von assigem Gulli, die je meinen Rüssel anfuckte.

Welche Variante auch immer ihr bevorzugt: Egal ob ein Furz, Körpergeruch oder Essen – Beleidigungen der Nase verdienen eine Antwort,  die den Kenner erkennbar macht. Beide Versionen von mir, da ich die offizielle Übersetzung unerträglich lahm finde (9).

 

11.) Der ultimative Allround-Insult

Away, you starvelling, you elf-skin, you dried neat’s-tongue, bull’s-pizzle, you stock-fish!

Hinfort! Du Vogelscheuche, du Elfenhaut, du getrocknete Rinderzunge, du Ochsenschwanz, du Stockfisch!

Henry IV Part I – Act II, Scene iv.

Der modern remix dazu:

Dammit! You scarecrow, you skin of an elf, you dried-out ox’s tongue, you bull’s penis, you salted cod!

 Auch hier gibt es einen extended remix:

Dammit! You scarecrow, you skin of an elf, you dried-out ox’s tongue, you bull’s penis, you salted cod! Oh, I wish I had enough breath to tell you all the things you are! You yardstick, you empty sheath, you case for a violinist’s bow, you disgusting erect sword—

Deutsche Version:

Verdammt! Du Vogelscheuche, du Elfenhaut, du getrocknete Rinderzunge, du Ochsenschwanz, du Stockfisch! Oh hätt‘ ich nur den Atem zu nennen, was dir gleicht! Du Tuchmaß, du Degenscheide, du Bogenfutteral, du erbärmlicher Zier-Degen. (10)

 

12.) Jemand war richtig böse zu dir? Dann beleidige mit Königin Margarete:

Thou elvish-mark’d, abortive, rooting hog!

Du von Elfen-verstoßenes, frühgeborenes, in Scheiße-wühlendes Schwein! (11)

Richard III – Act I, Scene iii

Aber Obacht, das ist nur die Kurzversion dessen, was die alte Königin Margarete zu sagen hat. Wer richtig beleidigen will, nimmt die Langversion (extended version):

Thou elvish-mark’d, abortive, rooting hog!

Thou that wast seal’d in thy nativity

The slave of nature and the son of hell!

Thou slander of thy mother’s heavy womb!

Thou loathed issue of thy father’s loins!

Thou rag of honour!

Etwas prägnanter und moderner, aber nicht weniger ausdrucksstarkt ist diese modernisierte englische Version (modern remix):

You deformed, prematurely born, rooting hog, you evil birth defect, you insult to your mother’s womb, you hated disgrace to your father’s sperm. You rag of honor

Rainer Iwesen verdanken wir eine angemessene, freier übersetzte, wenn nicht aber noch stärkere deutsche Version:

Shakespeare - Richard 3 - die Beleidiungen von Königin Margarete

Besonders gut: „Du ekler Schleim aus deines Vaters Sack, Du Ehreneiterbrand“ :-).

Margarete hat diese bösen Worte zwar nicht lange überlebt, aber der so beileidigte Richard III hat nur unwesentlich länger lebendig durchgehalten. Selbst sein Angebot, ein Königreich für ein Pferd zu geben (welch Inflation!), verhallte im Nirvana.

 

Zum Abschluss noch das wichtigste Shakespeare Zitat überhaupt – auch wenn es keine Beleidigung ist.

Aus Hamlet, Akt II, Szene IV, Vers 48:

NEIN!

 

Shakespeare vs. Stillspeare

.

 


Fussnoten:

(1) Projekt Gutenberg (u.a. dt. Übersetzungen) übersetzt „done“ extrem prüde mit „verpflichtet“ (seroiusly?).
Ficken / fuck  (von lat. facere = machen; to do = machen, tun) erscheint mir angesichts der Tatsache, das aus der „Verpflichtung“  immerhin ein Kind hervorging, als die moderne, weniger prüde Version.

Überraschend fand ich, dass alle gängigen (nicht-juristischen) Übersetzungen von „Villain“ (Bösewicht, Schurke, Schuft)  (in meinen Ohren) überraschend lahm klingen. Das gute alter Arschloch dagegen hat noch biss. Verbrecher würde noch funktionieren, ist aber für eine Beleidigung weniger geeignet.

(2) August Wilhelm Schlegel hats übersetzt mit: „Armer Schelm von Betrüger, der kein heiles Hemd auf dem Leibe hat!“  Trifft m.M. weder das Original, noch ists irgendwie originell. Deshalb oben meine eigene Version.

(3) Wolf Heinrich Graf Baudissin

(4) Projekt: No Fear Shakespeare

(5) Die wörtliche Übersetzung nach Dorothea Tieck wäre „Wärst du doch rein genug, dich anzuspein“. Zu unklar, finde ich.

(6)  Übersetzung von Dorothea Tieck schon OK, aber noch verbessert nach Anregung von Konstantin Pribluda.

(7) Die Übersetzung ist meine Variante, leider schwächelt hier die „offizielle“ Übersetzung. Warum August Wilhelm Schlegel Richard III von der buckligen Kröte (Unke) [=toad] zum  „giftgeschwollnen Molch“ (Molch = Salamander [engl: newt, salamander], ein graziles, schönes Tier) umgedichtet hat, wird auf immer sein Geheimnis bleiben.

(8) „sodden-witted“ gibt es nicht (mehr?) als Ausdruck im Englischen. Wörtlich übersetzt würde es heißen „durchtränkt-sinnig“. „dim-witted“ (unterbelichtet, dämlich) ist dem wohl noch am nächsten, wobei das „sodden“ durchaus im Sinne von „besoffen“ gemeint sein könnte. Hier trifft Wolf Graf von Baudissin m.M. mit „grützköpfiger“ den Sinn des Originals. Habe allerdings sein „grützköpfiger Lord“ auf „Grützköpfiger“ reduziert, da es sonst die Verwendbarkeit als Beleidigung aus naheliegenden Gründen unnötig einschränken würde.

(9) Übersetzer Wolf Graf von Baudissin machte daraus ein gestelztes: „die abscheulichste Komposition von niederträchtigem Gestank, die je ein Geruchsorgan entrüstet.“ Gähn. Dat jeht besser!

(10) Meine eigene Übersetzung wegen zu altmodischer offizieller Version:

Weg mit euch, ihr Hunger-Darm, ihr Aal-Haut, ihr dürre Kalbs-Zunge, ihr Ochsen-Ziemer, ihr Stok-Fisch – – O wenn ich nur einen längern Athem hätte! – Was ist dir noch mehr ähnlich? Ihr Ellen-Maaß, ihr Fiddelbogen-Futteral, ihr langer Rauf-Degen – –

(11) Elfen wurden in der englischen Mythologie eher als böse Wesen angesehen. Erst mit J.J.R. Tolkien fand eine freundlichere Neudefinition statt.

 


 

Inspiriert hat mich zu dieser Übersetzungsarbeit ein Beitrag im britischen Telegraph, den ich jedoch zu sehr mit Videos und bewegten Bildchen überladen fand. Außerdem stellte ich fest, dass ich vieles nicht verstand. Also hab ich mich an die Arbeit gemacht. Und schnell festgestellt, dass ich die gängigen Übersetzungen ins Deutsche oft nicht passend fand.

Der Autor des Telegraph scheint außerdem „Much ado about nothing“ (Viel Lärm um nichts) nicht zu kennen. Wenn ich mich richtig erinnere, gabs darin noch eine Menge richtig nette Beleidigungen. Werde mir das mal wieder vorknöpfen und dann die Seite hier updaten.

 

Gute Quellen mit Shakespeare-Texten sind:

http://shakespeare.mit.edu/

http://www.zeno.org/Literatur/M/Shakespeare,+William

http://nfs.sparknotes.com/

http://www.william-shakespeare.de/

 

 

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Siehe auch: Hamlet in der Inszenierung der Büchner Bühne Riedstadt