Kein ICE nach nirgendwoEinem Rollstuhlfahrer wird- trotz Fahrkarte, Platzreservierung und bestellter Einstiegshilfe – vom Zugbegleiter der Zutritt zum ICE der Deutschen Bahn verweigert. Kein Einzelfall. Harry Hieb hat mir erlaubt, seinen Bericht hier wieder zu geben:

Ein Gastbeitrag von Harry Hieb
21. Juni, 2017

@Deutsche Bahn Personenverkehr: Liebe Bahn,

du musst mir mal was erklären. Berechtigt ein Zugticket einen Reisenden nicht zur Mitfahrt in einem deiner Züge? Ist eine Platzreservierung keine Reservierung? Als Rollstuhlfahrer habe ich beides über deine Mobilitätszentrale gebucht, einschließlich Einstiegshilfe.

Dennoch eröffnete mir heute einer deiner vielen Zugbegleiter 3 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt des ICE 690 in Ulm, dass mein Platz mit einem anderen Rollstuhlfahrer belegt sei und ich nicht mitfahren könne. Dies geschah auf deine immer freundliche „engelsgleiche“ Art. In Gutsherrenmanier verkündete er, du kommst hier nicht rein. Meine Reservierung zu würdigen wäre ein lästiges Übel gewesen und mit Blick auf die Uhr erschien es ihm weit wichtiger, mir mit der Bundespolizei zu drohen, als ich auf meine Beförderung bestand.

Und so fuhr der ICE dahin – nur einer blieb zurück wie ein ausrangierter Stapel Zeitungen aus dem 1.-Klasse-Abteil des ICEs: Ich, dein Bahnkunde. 

Vielleicht habe ich aber auch etwas missverstanden. Vielleicht hältst du mich überhaupt nicht für einen Kunden? Wie könnte ich mir sonst erklären, dass mir Ähnliches vor etwas mehr als einem Monat schon mal mit dir widerfahren ist? Zug abgefahren

Dabei habe ich vollstes Verständnis für deine Argumentation: Zwei Rollstühle in einem Großraumwagen stellen ein Sicherheitsrisiko dar. Fünf Kinderwägen und zahlreiches weiteres Gepäck dort gestapelt, wo eigentlich ein zweiter Rollstuhlplatz ausgewiesen ist, hingegen nicht. Ich verstehe: Enttäuscht drein blickende Kinder- und Elternaugen würden dem Bahn-Image sehr schaden. Bei mir ist das natürlich was anderes: Ich bin ja nur ein Rollstuhlfahrer mit Fahrgastrechten, die so viel Wert sind wie dein Stapel ausrangierter Zeitungen.

Danke, liebe Bahn. Wir werden noch viel Freude miteinander haben.

Harry Hieb

 

Fotos (nicht vom Tatort): Carsten Buchholz

 

Update 27.6.2017: Augenzeugin in München beschreibt brutales Verhalten von Kontrolleuren der Deutschen Bahn – und kann das mit einem Video beweisen.

 

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