Ether-Kursentwicklung 7.6.2017

Ether-Kursentwicklung 7.6.2017 (Quelle: BTC-Echo)

Ich bin jetzt seit über einem Jahr Nutzer von Ethereum und der dazu gehörigen Crypto-Währung Ether. Im Sommer (2016) kam ich zu der Auffassung, dass das Prinzip Programmierung und Blockchain Technologie für Smart Contracts zu verbinden, eine gute und zukunftsträchtige Technologie ist. Und eine gute und sinnvolle Ergänzung zu Bitcoin.

Aufgrund meiner praktischen Erfahrungen kam ich jedoch auch zu dem Schluss, dass Ethereum noch mindestens ein Jahr davon entfernt ist, eine ähnliche praktische Relevanz zu erreichen, wie sie Bitcoin damals hatte. Habe erst mal andere Pläne und Themen verfolgt.

Seither hat der Kurs von Ether einen drastischen Aufstieg, ach Quatsch, eine Explosion erfahren (Kurs im Sommer 2016: 10-20 €) und meine zu Testzwecken beschafften Ether zu einem kleinen Investment aufgewertet. Also war es Zeit, mal wieder zu schauen, wie es um Ethereum als Projekt und Lösung steht.

Haben

1.) Die Ethereum Foundation macht ganz fantastisches Marketing. Jeder neue Partner, jedes Interesse von einer Bank oder eine Regierung, jeder neue Rekord im CryptoCurrency Ranking oder des Kurses wurde mit einer Social Media- und Pressemitteilung gefeiert. Und Ether wurde als Konkurrenz zu Bitcoin positioniert. Das hatte zur Folge, dass:

  • Mehr Crypto-Currency Daytrader und Spekulanten auf die Währung aufmerksam wurden und sie verstärkt nachfragten. Folge: Kurs steigt.
  • Mehr Firmen, die das Potential von Smart Contracts erforschen wollen, sind der Ethereum Foundation beigetreten oder haben zumindest Software und Ether ausprobiert. Folge: Kurs steigt.

2.) Die über die Ethereum Blockchain entstehende Möglichkeit, eigene „Token“ zu kreieren (man kann sich das als eine Art Aktien vorstellen, deren Besitz und Weitergabe über die Etherum Blockchain abgesichert ist) hat zu einer ganzen Welle von ITOs (Initial Token Offerings) geführt. Das ist – analog zu einem ICO oder IPO – eine Möglichkeit für Startups, sich auf Basis der Ethereum Blockchain eine Finanzierung durch Verkauf von Anteilen (an was auch immer) zu verschaffen. Wer auch immer an einem solchen ITO teilnehmen wollte, muss und mußte sich zunächst Ether in entsprechender Menge verschaffen. Folge: Kurs steigt.

Soll

Leider habe ich – als meine Aufmerksamkeit zu Ethereum zurück kehrte – festgestellt, das dort technisch einiges sehr im Argen liegt:

  • Das (Ethereum Foundation) Mist Wallet hat sich – trotz ständig neuer Releases – weder in Funktionalität noch in Usability weiter entwickelt.
  • Mist bietet weiterhin keine Möglichkeit zu sehen, wann, wie viel und woher Ether eingegangen sind. Für geschäftliche Anwendungen völlig ungeeignet.
  • Im normalen Modus ist es praktisch (höchstens evtl. mit High-end Hardware) überhaupt möglich, die Blockchain in akzeptabler Zeit in Mist herunter zu laden. Bei mir angezeigt: Dauer 5 Monate. Für eine Technologie, die sich als Lösung für das Internet of Things (IoT) verkauft, völlig inakzeptabel. Ich hatte ja schon im Herbst in meinem Jahresrückblick Zweifel geäußert, ob das Speichern und Verteilen von Code auf/über die Blockchain effektiv ist.
    Eine Millionen Blocks fehlen..
  • Es gibt zwar Workarounds, die aber technisches Know How (Kommandozeile) erfordern (siehe Abb. unten).
  • Die Ethereum Community ist alles andere als aktiv und hilfsbereit. Anfänger werden im Regen stehen gelassen.
  • Software-Qualität und Qualitässicherung haben immer noch nicht das Niveau erreicht, das notwendig ist, um Transaktionen in der FinTech-Branche durchzuführen. Nach der DAO-Katastrophe im Sommer 2016 ist jetzt wieder ein Fall bekannt geworden, bei dem ein Anbieter Ether im Wert von 14 Mio Euro verloren hat. Dieses Mal, weil eine neue Ethereum Version nicht 100% abwärtskompatibel war. Ich frage mich da: Wie viele andere Fälle es gibt, von denen man nichts hört, weil die Beträge nicht ganz so sensationell hoch sind und / oder die Firmen die Schlagzeilen scheuen?

Darüber hinaus kenne ich bis heute kein Smart Contract Angebot, dass nicht als Closed Shop Anwendung läuft (also an einen bestimmten Dienst oder eine bestimmte Web-Seite gebunden ist). Es mag das geben, aber ich hab noch nix gefunden. Alle Show-Cases die ich bisher gesehen / von denen ich gehört habe sind komplett Anbieter-gebunden. Nicht, das das verwerflich wäre. Aber es macht es nicht nur überflüssig, Code auf der Blockchain zu speichern – es macht es auch extrem ineffektiv. Oder kurz gesagt: All diese Use Cases ließen sich auch (wesentlich effektiver) mit einer beliebigen Währung und einer nativen Software oder App lösen.

User complains on Github

Nutzerbeschwerden auf Github (Klick für eine lesbare Ansicht)

Ist das ein Abgesang auf Ethereum?

Nein.

Erstens sind solche praktischen Aspekte weder für die strategischen Entscheidungen des Managements von Konzernen noch für die Kaufentscheidungen der DigiCoin Spekulanten und DayTrader relevant. Trader halten ihre Ether sowieso nur in den Accounts der Exchanges (schaffen damit neue Banken, statt die Mitteler auszuschalten – was eine der Kernideen hinter Bitcoin war und ist).

Zweites hat Ethereum angesichts des massiven Finanzpolsters und der guten Reputation durchaus noch die Möglichkeit, die Kehrtwende zu schaffen. Noch jedoch sehe ich keine Anzeichen, dass die Probleme erkannt wurden. Sondern den rein auf Marktkapitalisierung und Transaktionsvolumen basierenden Übermut, Bitcoin anzugreifen.

Ethereum ist jedoch in meinen Augen von der Reife der Technologie und der Köpfe dahinter noch Jahre hinter Bitcoin zurück. Und noch Lichtjahre von Smart Contracts entfernt, die für Einzelhändler und Mittelständler relevant sind. Sogar mein eigener Brötchengeber (immerhin ein großer deutscher und internationaler Telekommunikationskonzern) wird mit den System- und Prozessanforderungen, die Ethereum an seine Anwender stellt, noch die nächsten Jahre heillos überfordert sein.

Workaround - not user friendly

Workaround – not user friendly (Klick für eine lesbare Ansicht)

Die spannende Frage wird sein: Will und kann sich Ethereum auf die ganz praktischen Anforderungen der privaten und geschäftlichen Nutzer einlassen? Oder werden sie sich im theoretischen Himmel von „Proof of whatever is perfect“ verirren und als Avantgarde eine Revolution vorantreiben, bei denen ihnen immer weniger Menschen folgen wollen. Denn wenn die Firmen merken, dass Ethereum ihnen keinen Mehrwert für Umsatz und / oder Gewinn bringt, werden sie ganz schnell aussteigen. Und die Spekulanten und Daytrader gehen eh dahin, wohin der Wind weht.

Ich jedenfalls stufe Ether derzeit erst mal von „buy“ auf „hold“ herab, mit der Option sofort auszusteigen, wenn ich sehe, dass die Marketing-Story zu bröckeln beginnt. Und werde mir Lisk etwas näher ansehen, da mir deren architekturelles Konzept – Code auf Sidechains – auf den ersten Blick deutlich effektiver und viel versprechender erscheint.

(Klick für eine lesbare Ansicht)

(Klick für eine lesbare Ansicht)

Um das vielleicht noch mal klarzustellen: Ich bin kein Fan der Eierlegendenwollmilchsau. Verschiedene Blockchain-Technologien haben ihre Stärken und Schwächen. Wichtig ist, das sie konkrete Lösungen für ihr Segment entwerfen und unter Beweis stellen. Jeder Glaubenskrieg (NICHT Kritik!) zwischen den Kryptowährungs-Anhängern schadet der gesamten Branche.

Blockchain on!

 

Update 12.6.2017: Ein Artikel in The CoinTelegraph bestätigt ein paar meiner Überlegungen. Viel kompetenter natürlich. Lesenswert.

 

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Screenshots: Carsten Buchholz

 

Siehe auch:

Ist Bitcoin ein reines Spekulationsobjekt?

Was sind Smart Contracts?

Wie funktioniert Bitcoin?

Betrachtungen zur Bitcoin-Kursentwicklung

Stückchenmünzen-Lesestoff (aka Blockchain Article Collection)

Mein DAO Blockchain Experiment

Zcash