Ich habe E-Mail. Aus der AfD. Und zwar nicht so, wie ich eine Reaktion von Ihnen auf Kritik erwartet hatte: Weder als Abmahnung (wie von Herrn Mohrmann bevorzugt praktiziert), noch als Beleidigung oder gar als Drohung. Letzteres haben ja schon einige Menschen erlebt, die sich mit der AfD kritisch auseinander gesetzt haben und ich das aus anderen Kontroversen mit rechtsradikalen Kreisen kenne (zuletzt – wenn auch reichlich wirr – hier). Und: Die E-Mail war auch nicht anonym, nicht offiziell von der Partei, sondern von einer Einzelperson mit vollem Namen.

Diese Person hat ausführlich in meinem Blog gestöbert und meine Artikel wirklich gelesen und dann eine E-Mail geschrieben, um meiner Sicht sachlich ihre Sicht gegenüber zu stellt. Die erste Person aus der AfD, die ich kennenlerne, die sich auf eine sachliche Diskussion einlässt. Finde ich gut – auch wenn wir durchaus unterschiedlicher Meinung sind. Ich habe versucht, genauso sachlich zu antworten und ich glaube, mir ist das gelungen.

Soweit war das eine private Konversation. Natürlich wäre mir lieber gewesen, die Anmerkungen wären als Kommentare hier im Blog erfolgt. Was natürlich komplizierter war, weil die Mail auf verschiedene Artikel Bezug nahm.

Ich habe mich entschieden, dennoch hier im Blog einen Beitrag dazu zu veröffentlichen. Weil das Thema und die (abstrakten) Argumente Teil der öffentlichen Debatte sind. Und weil ich ja hier auch gern mal über unsachliche Angriffe herziehe – da verdient eine sachliche Reaktion auch eine sachliche Würdigung. Finde ich.

Ich zitiere jedoch die Mail hier nicht wörtlich, sondern reduziere sowohl ihre Argumente als auch meine Reaktion auf die Kernargumente.

Thema NPD (bezieht sich vermutlich auf diesen Beitrag von mir)

Ich kenne einige der AfDler im Landkreis Darmstadt-Dieburg und behaupte, dass nicht einer von den Mitgliedern bei der NPD war. Es werden keine Ehemaligen der NPD als Neumitglieder genommen. Es findet mit jedem Neumitglied ein Gespräch statt, bei dem genau geprüft wird, ob der Bewerber extreme Meinungen vertritt. Jedes Neumitglied hat eine Probezeit zu bestehen.

Ich kann das für Darmstadt tatsächlich nicht beurteilen. Aber in der Bundespartei gab und gibt es diese Fälle. Und die Abgrenzung hat oft nur sehr, sehr zögerlich stattgefunden. Gerade wieder hörte ich von einem solchen Fall, in dem sogar der Ruf nach Adolf Hitler kein Grund für einen Parteiasuchluss ist aus der AfD ist.

Und selbst euer Darmstädter Bürgermeister-Kandidat, Hans Mohrmann, kritisiert „verfassungswidrige Tendenzen“ in der AfD. Nun könnte das natürlich ein Schachzug in der (scheinbar heftig tobenden) innerparteilichen Auseinandersetzung sein. Doch wem soll ich glauben? Jemandem, der immerhin von einer klaren AfD-Mehrheit zum Kandidaten gewählt wurde oder dir? Ich muss gestehen, dass Mohrmanns Vorwurf eher zu meinen Wahrnehmungen der AfD (und dem Menschen-verachtenden – und mit meine christlichen Weltbild unvereinbaren) Äußerungen von Frau Petry, Frau Storch, Herr Höcke und Herrn Gauland passen.

Und auch der Ex-Vorsitzende der AfD Darmstadt, Alban Wurth, ist immerhin mit ähnlichen Vorwürfen, wie sie jetzt Herr Mohrmanns erhebt, aus der AfD ausgetreten.

 

Thema Identitätsdiebstahl (bezieht sich vermutlich auf diese Beiträge von mir: 1 und 2)

Identitätsdiebstahl? Die Motivation ist kriminelle Energie?
In den meisten Fällen geht es vermutlich um den Schutz vor Anfeindungen oder anderen Dingen.

Die Vortäuschung einer Identität einer anderen Person ist ein Straftatbestand. Und die Verwendung eines Fotos, an dem man keine Rechte besitzt, eine Urheberrechtsverletzung. Was sagt das über das Rechtsverständnis der so handelnden Personen aus? Schutz vor Anfeindungen kann man anders erreichen. Dazu muss man nicht gegen Recht und Gesetz verstoßen.

Ich wurde von linken Chaoten verfolgt und geschlagen. Obwohl ich linksliberal bin und mich seit vielen Jahren mich für die Schwachen in der Gesellschaft einsetze, auch für Menschen mit Migrationshintergrund, wurde ich „Faschist“ genannt und geprügelt.

Ich kenne weitere Menschen persönlich, die ebenfalls verletzt wurden oder deren Autos zerstört wurden. Trotz Anzeige und ärztliches Attest habe ich von staatlicher Seite keine
Unterstützung erhalten und in den Medien wurde die Gegendemo als friedlich deklariert.

Das tut mir leid, zu hören. Mir ist es in der Vergangenheit ähnlich ergangen – durch eine Gruppe von Nazis. Nicht weil ich Links war. Sondern weil ich es wagte, ihnen zu widersprechen.  Trotzdem jammere ich nicht und werfe alle „Rechten“ pauschal in einen Topf. Ich bin mir schon bewusst, dass die AfD anders ist als die NPD.  Aber was ich mache, ist, mir sehr genau ansehen, welche Verhältnis Menschen und Gruppen zum Rechtsstaat, zur Gewalt, zur Verfassung und zur Demokratie pflegen. Und bei der AfD kann ich da zu keinerlei positivem Urteil kommen.

Und angesichts solcher linker Gewalt regst du dich über ein paar fiktive Identitäten in Facebook auf?

Ich beurteile die AfD nicht relativ zu irgendwelchen anderen Gruppen, sondern aufgrund meiner Ansichten und Werte. Fehlverhalten von bestimmten Gruppen rechtfertigt kein eigenes Fehlverhalten. Das ist kindisches „der hat aber angefangen“. Zivilisierte Menschen verhalten sich anders. Und eine Partei sollte auch ihre eigenen Mitglieder disziplinieren. Sonst fällt deren Verhalten auf sie zurück.

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.  (Matthäus 7, 15-18)

Thema Mohrmann  (bezieht sich auf diesen Beitrag von mir)

Was Herr Mohrmann von sich gibt, ist in vielen Punkten widersprüchlich. Dazu kommen seine Mitgliedschaften in den Parteien Die Grünen, FDP und CDU.  Ich vertraue Mohrmann seit über einem Jahr nicht mehr.

Dennoch hat die AfD ihn nicht nur als Spitzenkandidat in den Kreistag geschickt, sondern (1 Jahr später) dann auch noch zum OB Kandidaten gemacht. Zumindest sein rabiater Umgang mit Kritikern ist ja sogar öffentlich bekannt geworden – da hat euch aber offensichtlich nicht abgehalten.

Ich weiß nicht, wie lange Mohrmann in der AfD war, aber auf eure Prüfung von Neueintritten wirft das kein gutes Licht, wenn ihr so jemanden zweimal zu eurem Kandidaten macht, der euch ja deutlich besser bekannt gewesen sein sollte. Stell dir vor, die 50,x % Nichtwähler wären doch zur Wahl gegangen und hätten Mohrmann zum Darmstädter OB gemacht. Den würden wir dann der AfD verdanken. Und die Tatsache, dass ihr ihn mit einem Ausschlussverfahren jetzt aus der Partei getrieben habt, löst euer Problem gegenüber der Öffentlichkeit auch nicht: Denn es gab jetzt in der AfD nie eine demokratische Mehrheit gegen ihn – und wird auch nie eine geben.

 


 

Soweit die ausgetauschten Argumente.

Zunächst noch einmal Dank an die Person, dass sie den Kontakt gesucht hat und mich ihre Sicht hat kennenlernen lassen – selbst wenn wir nicht auf einen Nenner gekommen sind. Und auch wenn ich nicht verstehe, wie sie Mitglied dieser Partei sein kann.

Ich hoffe, dass sie den Dialog mit mir noch fortsetzen wird und ich bin immer offen für einen sachlichen Dialog, solange Menschen sich nicht mit Beleidigungen – wie es Herr Mohrmann gegenüber Frauen getan hat – (oder gar schlimmerem) dafür disqualifizieren. Egal ob per Mail oder hier im Blog. Austausch und Dialog sind wichtig – für die Gesellschaft, aber auch für den Einzelnen. Wer immer nur in der eigenen Filterblase lebt und diskutiert, radikalisiert und isoliert sich. Und programmiert damit sein Scheitern. Denn noch nie haben radikalisierte Bewegungen zu einer langfristigen Verbesserung geführt – aber immer viel Leid hervorgerufen.

Ich hoffe auch, dass manche (sofern sie diesen Blog überhaupt lesen) verstehen, dass Gewalt gegen die AfD nichts hilft. Sie schweißt die Partei nur mehr zusammen und täuscht über Zweifel an der Programmatik, Rethorik und am Vorgehen hinweg, weil die „bösen Linken“ ja noch viel schlimmer sind. Ohne dass gesagt werden muss, wer diese „Linken“ überhaupt sind (im Zweifel per Kollektivhaftung halt gleich alle, die die AfD kritisieren). Der gemeinsame Feind schweißt zusammen. Selbst wenn er ein Phantom ist.

Ach so, und dann würde mich natürlich interessieren, ob die AfD meine Meinung auch so in einem ihrer Foren zulassen würde. Vielleicht sollte ich das mal ausprobieren. Falls ich die Zeit finde, werde ich hier darüber berichten.

Ansonsten bleibe ich bei meiner Einschätzung der AfD Wähler aus meiner Bewertung der Kommunalwahl 2016:

Die Meisten […] die für die AfD gestimmt haben, hätten auch für einen Sack Kartoffeln gestimmt, wenn nur „gegen Flüchtlinge“ drauf gestanden hätte. Sie können jetzt aber nicht mehr behaupten, sie seien „das Volk“. Sie sind nichts weiter als ein kleiner Teil der Bevölkerung, dem unsere freiheitliche Verfassung großzügig das Recht zugesteht, an Politik und Debatte teilzunehmen.

 

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Siehe auch:

Die AfD Darmstadt und die rumänischen Models

The big, fat, fake AfD Swindle: Anti-Euro-Partei mit Identitätsdiebstahl und Urheberrechtsverletzung

AfD Darmstadt aktiv gegen Meinungsfreiheit

Gefährliche patriotische Sex-Phantasien

Putsch-Fantasien

Hajo Funke und die Verschwörung der V-Nazis

Populismus 1: Die Ratlosigkeit der Ne­ti­zens