Ich habe gestern Zeitung gelesen. So eine echte, aus Papier. Sorgfältig habe ich sie von vorne bis hinten durchgeblättert. Viele Artiel gelesen, viele zumindest angelesen. Das wäre vor vielen Jahren nichts besonderes gewesen. Aber dieses Mal war es das, aus folgenden Gründen:

  • Ich habe das schon lange nicht mehr gemacht (u.a. deswegen: 16 für 2016). Ja, natürlich blättere ich immer mal wieder in eine gedruckte Zeitung rein, lese einen oder zwei Artikel. Aber schon sehr lange hab ich nicht mehr sorgfältig den Großteil der Zeitung studiert und viele Artikel daraus gelesen.
  • Ich hatte sie (F.A.Z. – Frankfurter Sonntagszeitung) aufgehoben, weil ich in ihr einige Taxikartell in der FAZArtikel entdeckt hatte, die ich noch „in Ruhe“ lesen wollte.
  • Die Ausgabe war vom 27.4.2014. Also quasi ein historisches Dokument.

Warum mache ich sowas? Weil da ein paar lange und längere Artikel drin waren, die mich intereessierten. Zu Themen, die auch heute (drei Jahre später) – wie ich feststellen mußte –  noch aktuell sind:

  • Robotik
  • Die Forschung in Verteilungstheorie von Anthony Atkinson – Volkswirtschaftliche Ansätze zur Erforschung – und Bekämpfung – der Ungleicheit
  • Der russische Blick auf den Westen
  • Die Architektur des BND und was sie über die Behörde erzählt
  • Islam gehört zu Deutschland
  • Tötende Spezialeinheiten der Bundeswehr und ihre Motivationsprobleme
  • „Das Ende des Taxikartells“
  • Arbeiten in Teilzeit
  • Die Feldenkrais-Methode
  • Wirtschaftliche Kraft aus kultureller Vielfalt
  • Software-gestützte Kriegsvorhersage
  • Die Sängerin Iyeoka

Leider haben die Artikel jedoch bedauerlich wenig zu meiner Erleuchtung beigetragen. Und das lag nicht daran, dass sie alt waren. Sondern daran, dass sie den relativ großen Platz nicht genutzt haben, denen ihnen das Format Sonntagszeitung eigentlich bietet. Schade.

Aber wie kann das sein?

Ich habe erst im Nachhinein – als ich schon viele Seite weggeworfen hatte und über meine Unzufriedenheit nachdachte – eine Idee davon bekommen, warum das so ist. Daher kann ich das jetzt nicht systematisch belegen. Das will ich beim nächsten Zeitungskauf mal nachholen. Aber es legt einen wichtigen Mangel des heutigen Journalismus offen, den ich schon jetzt ansprechen möchte:

Der überwiegende Teil der Artikel (gefühlt: mind. 80%) waren Meinungsartikel.

In ihnen haben die Journalist(inn)en ihre Meinung zu einem Thema aufgeschrieben. Und mehr oder weniger gut mit Argumenten und Fakten belegt. Das ist nicht falsch. Aber: Das ist kein Journalismus.

Zumindest für mich bedeutet Journalismus, Themen von allen Seiten zu beleuchten und möglichst alle/viele Meinungen und Sichten zu einem Thema darzustellen. Damit sich die LeserInnen dann selbst eine Meinung bilden können. Journalismus bedeutet für mich nicht, dass Menschen dafür bezahlt werden, dass aufzuschrieben, was sie selbst denken. Für mich bedeuet Journalismus – immer noch –  zu informieren. Und zwar so gut und umfassend wie für das Geld und den Platz möglich.

Was nicht bedeuten soll, dass ich die Forderung nach „Objektivität“ erheben möchte, die noch relativ populär war, als ich das Handwerk gelernt habe. Denn echte Objektivität gibt es nicht –  jedeR Schreibende geht mit seinen bereits vorher gerägten Grundüberzeugungen, Meinungen und Sympathien an ein Thema heran und diese beeinflussen (bewußt und unbewußt) was und wie er darüber schreibt. Der Versuch, diese unsichtbar zu machen, führt nur dazu, dass sie sich in Formulierungen, in Bildern, in Weglassungen (der Bewertung: Was ist relevant?) ausdrücken. Das kann im Zweifel gefährlicher sein, als wenn die Meinung offensichtlich ist.

Nein, auch ein Journalist soll und darf eine Meinung haben und diese auch ausdrücken. Aber diese Meinung ist nicht dass, warum ich Geld für journalistische Produkte bezahle. Meinungen bekomme ich (mehr oder weniger gut begründet) auf der Straße, in der Kantine, auf poilitischen Veranstaltungen, in Social Media und in tausenden „News-Seiten“ und Blogs (da sogar manchmal besser und fundierter begründet als in der Zeitung) völlig kostenlos. Meinungen, die mich in meinen Ansichten bestätigen oder zum Nachdenken bringen, weil sie ein Thema etwas anders oder total entgegengesetzt sehen.

Wenn ich aber für ein journalistisches Produkt zahle, dann erwarte ich mehr als die (begründete) Wiedergabe eine Meinung. Dann erwarte ich eine Leistung, die mich bestmöglich dabei unterstützt, mir eine eigene Meinung zu bilden. Indem der/die JournalistIn alle (möglicherweise) relevanten Fakten zu einem Thema präsentiert, die verschiedenen Möglichkeiten darstellt wie diese Fakten interpretiert werden können und welche verschiedenen Meinungen es so zu diesem Thema gibt. Und wenn diese Arbeit erledigt ist, dann darf da gern auch noch stehen, zu welchem Ergebnis der Autor/die Autorin gekommen ist.

Natürlich ist das Arbeit. Und hat seine Grenzen u.a. im zur Verfügung stehenden Platz, der für Recherche und Schreiben zur Verfügung stehenden Zeit und zu einem gewissen Grad auch in den (intellektuellen) Fähigkeiten des Journalisten / der Journalistin. Und natürlich machen Menschen Fehler. Alles geschenkt.

Aber was mich extrem stört ist, dass es in (sehr) vielen Artikeln nicht mal mehr versucht wird. Das es nicht mal mehr der Anspruch vieler Journalisten/-innen ist, alle Aspekte / Seiten eines Themas auszuleuchten. Sondern das vielfach der ganze Artikel bereits auf eine Aussage zugeschnitten ist. Die ganze Story darauf abzielt, die Meinung des „Journalisten“ zu belegen.

Das mag im Einzelfall ja durchaus mal eine legitime Vorgehensweise sein. Aber das ich es bei allen Artikeln einer Ausgabe antreffe, die mich interessieren, gibt mir dann sehr zu denken. Und ist Wasser auf die Windmühlen, derer, die auf ojurnalistische Produkte verzichten oder sogar etwas von „Lügenpresse“ behaupten. Was ich übrigens nicht bestätigen kann: Ich habe in dieser Ausgabe durchaus eine Vielfalt an Meinungen gefunden. Keine klare Bevorzugung einer politischen Richtung, einer Partei oder gar der Regierung.  Meinungsvielfalt existiert in dieser Ausgabe der FAZ. Aber mich über ein Thema vielseitig informieren, das leistete diese Ausgabe leider nicht.

Natürlich könnte man mir vorwerfen, dass ich das hier im Blog ebenfalls nicht tue. Das ist sogar korrekt. Aber dieses Blog ist meine private Kommentar-Seite zum Leben, zum Universum und den ganzen Rest. Ich habe hier keinen journalistischen Anspruch. Ich verdiene keinen Cent damit. Und ich verlange von meinen LeserInnen keinen Cent. Wenn ich Meinung lesen will, dann lese ich Blogs. Aber von einer echten Zeitung erwarte ich, verdammt noch mal, mehr. Deutlich mehr.

 

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