Archiv der Kategorie Bücher

Neue Vergleichsseite: Buchkurzkritiken

BücherNeulich fragte jemand danach, welches Buch ich denn so empfehlen könnte. Da ist mir natürlich spontan wenig eingefallen. Da dachte ich mir: Nachdem meine Filmkurzkritiken ja gut ankommen und für mich auch zu einer praktischen Übersicht werden, was ich schon gesehen habe und wie ich es fand, könnte ich das ganze hier doch auch für Bücher dokumentieren.

Auch hier habe ich wieder kurz überlegt, eine Hitliste zu machen, aber wie auch bei Filmen wird das mit steigender Anzahl immer unbedeutender und irgendwann reichlich aussagelos. Man kann bestimmte Bücher auch nicht wirklich direkt miteinander vergleichen. Nein, die Haupt-Sortierung nach (Erst-)Erscheinungsjahr vorzunehmen fand ich spannender. Auch hier mit dem Ziel, zu schauen, welche Werke im gleichen Jahr erschienen und mit der Chance ein Buch auch in seinen historischen Kontext einbinden zu können.

Ich habe erst mal angefangen, meine Lieblingsbücher aufzunehmen und ein paar, die ich kürzlich gelesen habe. Und gleich die erste Überraschung erlebt: Von meinen absoluten Lieblingsbüchern sind gleich zwei mal zwei im gleichen Jahr erschienen: 1927 und 1992 sind scheinbar Jahre gewesen, die mich literarisch intensiver geprägt haben, als andere. Außerdem aufgenommen habe ich schon mal alle Bücher, zu denen ich hier mal eine Rezension verfasst hatte. Hier der Zwischenstand:

http://neunmalsechs.blogsport.eu/listen/bucher/buchkurzkritiken/

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(La)Tex für Ly-Rick

LaTex LogoNachdem ich kürzlich bei der Herausgabe einer kleinen Lyrik-Bandes geholfen habe – der Satz erfolgte mit OpenOffice – hatte ich eine kleine Diskussion über die Vor- und Nachteile von Latex (sprich: „La-Tech“, eine sehr mächtige Open Source Textsatz-Software).

Nun kenne ich Latex noch aus meinen Uni-Zeiten und halte sehr viel davon. Da ich aber schon recht lange keine Print-Erzeugnisse mehr erstellt habe, lohnt sich der Einsatz für mich nicht. Die paar Briefe und Flugblätter, die ich ganz selten erzeuge, sind mit OpenOffice schneller gemacht. Allerdings habe ich beim Satz des Lyrik-Bandes die Einschränkungen einer Textverarbeitung zu diesem Zweck erlitten und bin einige unschöne Kompromisse eingegangen (und ja: Microsoft Office ist noch viiiel schlimmer).

Nun verstieg ich mich in der erwähnten Diskussion dazu, zu behaupten, dass Latex für den Satz einer Lyrik-Publikation – mit ihren sehr speziellen Anforderungen – vermutlich weniger zu gebrauchen sei. Dazu sei erwähnt, das Latex aus dem wissenschaftlichen Bereich kommt.

Nun, ich lag falsch. Und wurde prompt widerlegt: Gleich vier auf Lyrik spezialisierte Latex-Pakete gibt es.

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Wie verfassungstreu ist der (niedersächsische) Verfassungsschutz?

Spätestens seit der NSU Affäre ist das Handeln des Verfassungsschutzes in Deutschland ja leider ins Zwielicht geraten.  Der weihnachtliche Besuch in meiner Heimat hat mich auf einen weiteren Skandal aufmerksam gemacht, der damit verbunden ist, aber auch erinnerungen aus meiner eigenen Vergangenheit hervorruft. Das Göttinger Tageblatt hat im weihnachtlichen Jahresrückblick einen Nachdruck des folgenden Artikel aus dem April veröffentlicht:

Richter zweifelt wegen Verfassungsschutz am Rechtstaat

Reprint des Artikels vom März 2014 im GT

Die Geschichte hat es (warum auch immer) nicht in die (von mir gelesene) überregionale Presse geschafft, obwohl ich sie seh bemerkenswert finde. Der Artikel aus dem Tageblatt aus Gründen des Urheberrechtes hier nur als unlesbare Faksimile (alle Details im Original-Artikel sowie im Weser-Kurier, hier, hier, hier und hier).  Grob zusammengefasst:

Im malerischen Hann. Münden (in dem ich zur Schule gegangen bin) hat ein bundesweit bekannter und vorbestrafter Neo-Nazi namens „Michael von Dolsperg“ (früher: Michael See) für den niedersächsischen Verfassungsschutz als Informant gearbeitet. Insoweit nichts Neues und Überraschendes. Interessant ist, was er mit unseren Steuergeldern und seiner Zeit anfing:

  • Er hat eine antisemitische Hetzschrift gegründet und bundesweit verbreitet
  • Er hat den Richter und Direktor des Amtsgerichts Hann. Münden, Wilfried Kraft, persönlich bedroht. Was von der Polizei immerhin für so gefährlich gehalten wurde, dass der Richter Polizeischutz gewährt bekam.

Es sei für seine Familie eine schlimme Zeit gewesen, sagt Wilfried Kraft heute:

„Zwei Tage lang stand vor unserem Haus ein Polizeibus, zwei Tage lang patrouillierten Polizisten mit Maschinenpistolen.“

Es ist kaum anzunehmen, dass der Verfassungsschutz davon nichts wusste – und trotzdem ist er weder eingeschritten, noch hat er sich später dafür entschuldigt, dass einer seiner Mitarbeiter einen slochen Anschlag auf das Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland verübt hat (nichts anderes ist die Einschüchterung eines Richters) und er mit Steuergeldern antisemitische Propaganda erst möglich gemacht hat. Im Gegenteil: Unmittelbar nach dem Auffliegen des NSU haben Mitarbeiter des „Verfassungsschutzes“ die Akten des V-Mannes geschreddert. Keine dieser offensichtlich rechtswidrigen Aktionen des niedersächsischen Verfassungsschutzes hatte bisher dienst-rechtliche, disziplinarische oder gar politische Konsequenzen.

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Give Box Darmstadt

Update 28.4.2016: Die Give-Box wurde durch Brandstiftung zerstört. Die Initiative arbeitet an einer Alternative.

In Darmstadt gibt es seit kurzem eine „Give-Box“ (auch: Umsonstladen)

Das ist  ein privates, sozial oder politisch motiviertes Projekt, wo neue oder gebrauchte Gegenstände zur kostenlosen Mitnahme bereitgestellt sowie tauschfrei mitgenommen werden können.

Quelle: Wikipedia (siehe dort für weiter Infos zur Geschichte und Praxis)

Der Platz dafür wurde vom Bauverein bereitgestellt, gebaut und betrieben wird sie von einer Gruppe Ehrenamtlicher. Sie steht an der

Ecke Bessunger Str./Oppenheimer Str.

 

Mehr dazu in Kürze.

 

Siehe auch:

Weitere Artikel in der Kategorie Darmstadt

 

 

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Maulhure

Jede bessere Buchhandlung hat auch ein Regal mit Lyrik. Da stehen oben die Bände mit den deutschen Klassikern, sofern sie mindestens 500 Jahre tot sind und keinem mehr weh tun können: Goethe, Schiller, … Die verkaufen sich anscheinend immer, und sei es als vergeblicher Versuch von Bildungsbürgern, wild Pubertierenden deutsche Kultur näher zu bringen. Was mit diesem Material ungefähr so erfolgreich sein dürfte, wie ihnen die Odenwaldhölle als In–Location schmackhaft zu machen. Vielleicht verkaufen sie sich aber auch gar nicht und stehen nur da, weil sie halt da stehen müssen.

Maulhure Nr. 1Drunter steht dann fast überall die „Reim dich oder ich fress dich“-Lyrik. Das gesamte Spektrum von religiöser Tageslosungen bis hin zu esoterischer Sinnsuche. Herzzerreißend illustriert mit Sonnenuntergängen und Tier-Baby-Fotos.  Verkauft sich anscheinend gut, das Zeug. Oder die BuchhändlerInnen bekommen ne fette Provision allein fürs Ausstellen.

Echte Lyrik findest du in Buchhandlungen nicht. Weder einen Jandl, einen Fausner, noch eine Jellineck, und schon gar keine Gioconda Belli.  Wer in deutschen Buchhandlungen moderne Lyrik finden will, muss in die Musik-CD Abteilung gehen.

Auch sonst drängt sich moderne Lyrik nicht gerade auf. Im Gegenteil: Es ist echt schwer, über normale Medien überhaupt mit Lyrik in Berührung zu kommen.

Die „Maulhure“ ist die Gegenthese zu den schwülstigen Schmuddelecken des deutschen Bildungsbürgertums. Sie nennt sich selbst „underground literature magazin“  und sie gibt den  wiederborstigsten, den gescheitertsten und den absonderlichsten Typen der gegenwärtigen deutschen Lyrik eine Möglichkeit, ihr textlichen Absonderungen zu veröffentlichen.

In der Maulhure  versammelt sich – auf je rund 100 Seiten  und „in zwangloser Folge“ (zwei Ausgaben seit 2010 und eine Dritte für 2014 im Druck) Texte und Autoren, die jeder kommerziell denkende Verlag als „kommerzieller Selbstmord“ ablehnen würde. Nicht weil sie schlecht sind-  sondern allein, weil sie den Anforderungen des Marktes nicht entsprechen: Weder sind die Autoren irgendwie B-, C- oder D-Promis, noch entsprechen die Texte in Form oder Inhalte den Erwartungen des zahlungskräftigen und kulturell willigen Bürgertums (s.o.).

UMaulhure Nr. 2 nd ja, in der Maulhure finde ich durchaus Texte, die ich in jeder anderen  Kunstform freigiebig mit dem Wort „Müll“ belegen würde. Zum Beispiel, weil sie sprachlich dem eigenen Anliegen nicht gerecht werden. Weil sie alles ignorieren, was mir in Deutschunterricht, Journalismus und Erziehung als gut, richtig und schön eingebläut wurde. Kruden Wort- und Satzkonstruktionen, die den gesunden Sprachverstand herausfordern. Nach einem Lektor schreien, ja, mir suggerieren, sogar ich könne das angemessener, treffender, besser ausdrücken (was ich natürlich definitiv nicht kann).

Also alles Schrott?

Wenn ich ehrlich bin: Nein!

Erstens gibt es in der Maulhure echte sprachliche Perlen und genial treffende Texte. Zweitens sind es gerade einige von den richtig krummen Texten, die mich trotz meines Impulses, sie nicht freiwillig in der Kategorie „Lyrik“ willkommen zu heißen, berühren, emotional ansprechen oder inspirieren. Mehr als andere (etablierte) Lyrik, die zwar meist gekonnter und kunstfertiger rüberkommt –mich aber oft nicht erreicht. Und trotz meines anfänglichen Wiederwillens muss ich feststellen, das mir die Lektüre der Maulhure ein echtes Vergnügen bereitet.

Doch abseits des Unterhaltungsfaktors: Ist das auch Kunst?

Da Kunst ein umstrittener, ja, ich kann mit Recht behaupten, subjektiver Begriff ist, kann nur ein Vergleich mit bereits „etablierter“ Kunst  weiterhelfen: Indem ich einen beliebigen (ernsthaften) Lyrik-Sammelband aus dem Regal greife – von einem renommierten Literatur-Verlag. Und dessen Texte mit denen der Maulhure vergleiche. Den Rest des Eintrags lesen. »

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Brigitte Aubert: Nachtlokal

Buchtitel: Brigitte Aubert: NachtlokalDer französische Krimi „Nachtlokal“ hat keinen Helden im herkömmlichen Sinne. Zwei Männer sind in einer Stadt an der Côte d’Azur ermordet und bestialisch ausgeweidet worden. Ein Marokaner, ein Jude und … ein rechtsextremistischer Hintergrund? Die Polizei ermittelt und es wird schnell klar, das hier keine großen Lichter am Werk sind. Noch am klarsten, ohne sich dabei für den Job eines typischen Krimi-Ermittlers zu bewerben, ist der einfache Polizist Marcel Blanc, der das Ermittlungsteam mit Laufarbeiten unterstützen soll.

Statt den Täter zielgerichtet einzukreisen, taumelt das Ermittlungsteam von Hinweis zu Hinweis und verliert sich bevorzugt in abstrusen Theorien und Vermutungen, nur um Gelegentlich von Marcel Blanc wieder in die richtige Richtung gestoßen zu werden.

In der Zwischenzeit erhält der Leser Einblicke in das beklemmende, aber nicht uninteressante Seelenleben des Täters, der weitere Opfer sucht und findet. Und so kommen sich Täter und Ermitter immer näher – wie zwei Geschichten, die sich umkreisen, bis sie sich zu einer vereinen.

Der Reiz dieses Krimis liegt nicht in der Ermittlungsarbeit oder den Personen der Ermittler. Sondern vielmehr in den unfreiwillig komischen Beziehungen, die diese zueinander und zu ihrer Arbeit pflegen. Es ist kein großartiger Krimi, aber lesenswert für die freundlich Abwechselung, die ins Genre bringt. Und auch das Ende bringt noch eine nette Überraschung.

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Leserbrief zur Schließung der Stadtteilbibliotheken in Bessungen und Arheilgen

Darmstadt Links - Zeitung der Darmstädter Linken, Ausgabe Januar 2013Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion „Darmstadt Links“,

vielen Dank für Ihre Zeitung „Darmstadt Links“ , die ich im Januar in meinem Briefkasten fand. Auch wenn ich kein Anhänger Ihrer Partei bin, so muss ich doch sagen das ich Ihre Zeitung deutlich informativer, relevanter, besser zu lesen und unterhaltsamer fand als das Darmstädter Echo, das ich mir gerade am Samstag mal wieder gekauft hatte. Danke dafür.

Anlass für diesen Leserbrief ist Ihr Artikel „Grüner Wählerbetrug“ auf der Titelseite. Hintergrund ist die geplante Schließung der Stadtteilbibliotheken in Bessungen und Arheilgen. Darin werfen sie insbesondere dem Grünen Oberbürgermeister Jochen Pratsch vor, noch im Mai 2010 die – damals von der SPD geplante – Schließung mit den Worten: „Einsparungen an dieser Stelle würden zweifelsohne einen sehr großen Schaden hervorrufen, der durch nichts zu rechtfertigen ist“ abgelehnt zu haben. Ich nehme mal an, dass Sie ihn da auch korrekt zitieren.

Grüner Oberbürgermeister in Darmstadt: Jochen Partsch

Wählerbetrug? OB Jochen Partsch

Etwas im Wahlkampf auszuschließen, es dann aber selbst durchzusetzen, kann man tatsächlich als Wählertäuschung bezeichnen (Übrigens: Warum eigentlich nur an Männern?). Hoffentlich ist das Herrn Pratsch ordentlich peinlich.

Ich frage mich jedoch auch: Wie viele Menschen werden Herrn Pratsch ausgerechnet  wegen dieser Aussage gewählt haben? Ist das Thema für die Menschen in Darmstadt wirklich wichtig genug, um allgemein von Wählerbetrug zu schreiben?  Haben wir keine drängenderen sozialen Probleme, dass sodass Sie dieses Thema zum Leitartikel Ihrer Zeitung machen müssen? Dann klagen wir wahrlich auf hohem Niveau. Ich werde am Ende meines Briefes noch einmal darauf zurückkommen.

Doch nun zum Kern des Artikels und meines Leserbriefes. Darmstadt hat offensichtlich jahrelang über seine Verhältnisse gelebt und ist nun hoch verschuldet. Die Grünen waren zwar auch am vorherigen Magistrat beteiligt, aber nur als kleiner Partner einer dominanten und starrköpfigen SPD – das habe sogar ich mitbekommen, obwohl ich mich nicht wirklich mit der die Kommunalpolitik in Darmstadt beschäftigt habe. Dass sie nun – wo sie selbst die stärkste Fraktion stellen – Ernst machen mit dem Sparen, spricht erst einmal für sie.

Das Schöne beim Sparen ist ja, dass jeder dafür ist – solange es ihn nicht trifft. Insofern waren Proteste gegen jede Sparpolitik mehr als zu erwarten.

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Sibylle Berg: Sex II

Sibylle Berg: Sex II

Sibylle Berg: Sex II

Sibylle Berg hat einen Splatter-Roman geschrieben. Das steht nicht draußen drauf. Da steht „Sex II“ drauf. Das ist irreführend. Deshalb warne ich euch hier.

Wenn ihr also (im Buchladen oder in der Bibliothek) ein Buch mit dem Titels „Sex II“ seht, dann macht nicht den Fehler zu denken: „Oh, Sex ist doch eine der schönsten Sachen der Welt, das nehme ich mir mal mit.“  Wenn ihr dagegen auf Splatter-Filme steht, wo Blut und Gedärme spritzen, dann könnte dieses Buch etwas für euch sein. Doch nur vielleicht, denn neben der drastischen Schilderung von Verstümmelungen, Brutalität, grausamen Tötungen und anderen körperlichen Grausamkeiten enthält das Buch massiv depressives Gedankenmaterial. Wer auch nur 10% von dem glaubt, was er so liest, wird  mit diesem Buch zum Ergebnis kommen, dass die Menschheit (zumindest die der westlichen Zivilisation) zutiefst verkommen und des Überlebens unwert ist. Und dass die effektivste Art dazu beizutragen, der Selbstmord ist.

Und das meine ich nicht witzig. Ich habe mich durch dieses Buch gequält, um herauszufinden, was Frau Berg damit bezwecken will und ob es wenigstens am Ende eine Wendung, eine Aussage, einen irgendwie hervorhebenswerten Gedanken gibt. Gibt es nicht. Das Buch endet genauso depressiv, hoffnungslos und dunkel, wie es ab Seite 15 wurde (Spoiler bewusst gesetzt, damit niemand aus gleicher Neugierde drauf rein fällt) und dazwischen gibt es nur pervers-brutale Abgründe.

Es ist nicht so, dass Sibylle Berg nicht schreiben könnte. Im Gegenteil. Und an den zwei Stellen, an denen sie ihre Protagonistin mal aus der Lethargie heraus kurz zur Wut verirrt, kommen brillante Sätze zu Tage, bei denen das Wort zur Waffe wird. Jörg Fauser wäre stolz. Kurz.

Das Drama beginnt noch recht Unterhaltsam mit einer frustrierten Großstadt-Autorin, die vor allem an der Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit des eignen Lebens und dem ihrer „Freunde“ verzweifelt. Als wenn das nicht schon genug her gäbe, lässt Frau Berg  ihr Alter-Ego eines Morgens mit der Fähigkeit erwachen, durch alle Mauern und in alle Köpfe in ihrer Umgebung zu schauen. Wobei „alle“ nicht richtig ist. Natürlich sieht sie fortan nur noch die kaputtesten, fertigsten und perversesten Menschen. Dafür kennt sie sofort deren gesamte Geschichte, ihr Gedanken und sieht ihnen (bevorzugt) beim Sterben oder Töten zu.

Natürlich gab es all diese Dinge, die Sibylle Berg hier beschriebt. Irgendwo, irgendwann. Und wenn man lange und ausdauernd in den übelsten Boulevard-Blättern aus dem Hause Springer liest, dann wird man all die Scheiße, die Frau Berg hier zusammen trägt, auch finden. Aber man muss schon sehr suchen.

Wenn aber alle Menschen so wären wie beschrieben, würde sich die Bevölkerung der betroffenen Städte alle 24h ungefähr halbieren, so penetrant metzelt Sibylle Berg ihr Figuren nieder. Vermehrung dagegen fände kaum noch statt, da sich der titelgebende Sex weitgehend auf Onanie und unproduktive Sexpraktiken beschränkt. Insofern würde sich die von ihr verfluchte Stadtbevölkerung binnen Kurzem selbst ausrotten. Gute oder auch nur durchschnittliche Menschen sieht / durchschaut die namenlose Protagonistin dagegen (fast) nicht.

Zusammengefasst: Dieses Buch ist so negativ, dass es auch einen kommerziellen Misserfolg als Antwort verdient. Das wäre angemessen. „Amerika“ von Sibylle Berg habe ich ja noch wirklich gemocht, aber nun werde ich einen großen Bogen um ihre Bücher machen. So etwas muss ich mir einfach nicht geben.

 

Sibylle Berg  (1989): Sex II, Reklam: Leibzig.

Meine Lesezeit: 6 Wochen

Bewertung:  0 (von 5)

 

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Douglas Preston & Lincoln Child:  Title: The Wheel of Darkness

Electrifrying: Jeffery Deaver – The Burning Wire

Lee Child: Nothing to loose

 

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Bücher zu verschenken

Lesehungrige aufgepasst! Ich verschenke auf einer first comes- first serves Basis folgende Bücher:

Brigitte Aubert: NachtlokalBrigitte Aubert: Nachtlokal

 

 

Deaver: Opferlämmer

Deaver: Opferlämmer

Ruth Randell „Alles Liebe vom Tod“ (Taschenbuch, Deutsch)

 

 

Jeffery Deaver „Opferlämmer“ (Gebunden, Deutsch)

Review des englischen Originals „The burning wire“

 

Stephen King: InsomniaStephen King „Insomnia“ (Taschenbuch, Englisch)

Since his wife died, Ralph Roberts has been having trouble sleeping. Each night he awakens a little earlier until he’s barely sleeping at all. During his late night vigils and walks, he observes some strange things going on in Derry, Maine. He sees colored ribbons streaming from people’s heads. He witnesses two strange little men wandering the city under cover of night. He begins to suspect that these visions are something more than hallucinations brought about by sleep deprivation. Ralph and his friend, widow Lois Chasse, become enmeshed in events of cosmic significance.

 

John Grisham The ClientJohn Grisham „The Client“ (Taschenbuch, Englisch)

In a weedy lot on the outskirts of Memphis, two boys watch a shiny Lincoln pull up to the curb…Eleven-year-old Mark Sway and his younger brother were sharing a forbidden cigarette when a chance encounter with a suicidal lawyer left Mark knowing a bloody and explosive secret: the whereabouts of the most sought-after dead body in America. Now Mark is caught between a legal system gone mad and a mob killer desperate to cover up his crime. And his only ally is a woman named Reggie Love, who has been a lawyer for all of four years. Prosecutors are willing to break all the rules to make Mark talk. The mob will stop at nothing to keep him quiet. And Reggie will do anything to protect her client — even take a last, desperate gamble that could win Mark his freedom… or cost them both their lives.

 

Und:

Karin Fossum: Eva Auge

Karin Fossum: Eva Auge

 

Karin Fossum: „Evas Auge“ (Taschenbuch, Deutsch aus dem Norwegischen) Vergeben!

Konrad Sejer hat zwei Todesfälle zu bearbeiten: Den einer Prostituierten, die in ihrer Wohnung erwürgt wurde, und den eines unbescholtenen Mannes, dessen Leiche von Messerstichen übersät aus dem Fluss gezogen wurde. Bei beiden taucht eine Verbindung zu der erfolglosen Malerin Eva Magnus auf.

 

Bedingungen: Abholung oder Übergabe in Darmstadt (auch toter Briefkasten) oder bei Übernahme von Porto & Verpackung durch dich.

 

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Rendell: From Doon with Death

Ruth Rendell: Alles Liebe vom Tod

Titel: Ruth Rendell: Alles Liebe vom Tod

Bleib bei den Fakten und triff keine Annahmen, die du nicht belegen kannst. Einer meiner Lieblingsermittler (vergessen wer, kann jemand helfen?) hat dieses Motto (nicht wörtlich, leider) geprägt und wenn sich Inspector Burden und Chief Inspector Wexford daran gehalten hätten, dann wäre der Tod von Margaret Parsons schneller aufgeklärt worden. Und ohne einen völlig Unschuldigen in arge (emotionale) Bedrängnis zu bringen.

Insofern ist der Krimi „Ruth Rendell: Alles Liebe vom Tod“ – ihr erstes Werk in einer langen (von mir noch ungelesenen)  Reihe von Ermittlungen des Duos Burden und Wexford – vielleicht sehr realistisch. Denn auch die reale Polizei verfängt sich ja bekanntlich oft in Spekulationen und konfrontiert (oder verurteilt gar) die falschen Verdächtigen (mehr Beispiele). Ein guter Krimi wird daraus allerdings nicht, denn der erfahrene Krimileser erwartet von gestandenen Polizisten (soweit als Identifikationsfigur gecastet) etwas mehr Erfahrung. Zumal Burden und Wexford ja keine Anfänger sein sollen. Für einen schlechten Krimi reicht solcherlei Vergehen allerdings auch nicht.

Ruth Rendell hat hier 1964 einen klassischen „Whodunit“ vorgelegt, der im britischen Kingsmarkham spielt und den Ort elegant en passant als eine typische englische Kleinstadt charakterisiert, eine nur leicht modernisierte Version dessen was, wir von Agatha Christie kennen und was auch Inspector Barnaby oft erwartet, wenn er seine MörderInnen jagt. Hier trifft Mord auf moralische Empörung (wobei das Opfer ungern vernachlässigt wird), Entsetzen (mehr oder weniger schlecht gespielt) und schrille Aufregung über solch spannende Abwechslung in der Gerüchteküche. Und wie alle guten AutorInnen beschreibt Rendell diese balsamierende Wirkung von Mord auf die englische Landseele authentisch, ohne darüber zu Gericht zu sitzen.

Im Kern des Krimis steht die Frage, ob das Opfer Margaret Parsons tatsächlich jene arme, spröde und langweilige Seele war, für die sie jeder, wirklich jeder hält. Oder ob sie nach ihrer Rückkehr (mit Mann) aus London jenes geheimnisvolle, leidenschaftliche und vielleicht sogar erotische Doppelleben wieder aufnahm, das sie dort scheinbar schon während ihrer Schulzeit zu führen schien, ohne dass jemand etwas ahntet. Und wer zum Henker ist dieser Doon (belesen in viktorianischer Lyrik), der schon damals ihr Gegenpol war – oder doch nicht? Was ist der blinde Fleck, der Burden und Wexford daran hindert, zu Motiv und Täter durchzudringen.

Rendell gibt den mit ermittelnden LeserInnen Fingerzeige, sodass es durchaus möglich ist, vor den Inspectoren auf die richtige Lösung zu kommen – auch wenn sich dieses auf die Theorie beschränkt, offensichtliche Indizien werden von den Ermittlern nicht übersehen.

Alles in allem ein unterhaltsamer, nicht zu langer  Krimi, der mit großem Sprachwitz und furioser Situationskomik startet. Rendell scheint sich dann aber zu sehr auf die Handlung zu fokussieren, wodurch ihr größeres literarisches Potential vernachlässigt wird  (was aber auch der Übersetzung geschuldet  sein kann). Auch ihre Charaktere leiden darunter. Burden und Wexford bleiben seltsam flach und statisch – sowohl als Individuen als auch im Verhältnis zueinander.

Ich bin zwar ein entschiedener Gegner der unsäglichen Tatort-Unsitte, jeden Fall auch noch mit dem Privatleben eines Ermittlers zu verknüpfen. Was aber noch lange nicht bedeutet, das Ermittler (und Polizisten) eindimensional bleiben müssen. Dabei hat Rendell durchaus die Fähigkeit, interessante und vielfältige Charaktere zu schaffen – mit Ronald Parsons, dem deutschen Kindermädchen Inge Wolf und der schrägen Lehrerin Clare Clark sind ihr im Buch gleich drei davon gelungen. Doch auch sie werden dann nicht weiter entwickelt oder wenigstens prägnant zum Einsatz gebracht (und daran hat keinesfalls die Übersetzerin Edtith Walter Schuld).

Dafür ist der deutsche Titel  eine echte Sünde am Original. Deutsche Verlage (und noch schlimmer: Filmverleihe) habe eine absolute Begabung dafür, gute Titel durch miese deutsche Varianten zu versauen. Für „From Doon with Death“ hätte sich ein besserer Titel finden lassen, als das nichtssagende „Alles Liebe vom Tod“ (was am Inhalt und an Stimmung meilenweit vorbei geht). Selbst: „Mit tödlichen Grüßen …“ wäre ein besserer Titel gewesen.

Dennoch: Lesenswert und unterhaltsam. Bin gespannt darauf , wie sich Ruth Rendell weiterentwickelt hat. Habe dank eines freundlichen Spenders / einer freundlichen Spenderin noch ein paar weitere Werke von ihr auf den Nachtisch. Schließlich möchte ich noch herausfinden, was Wexford gegen Mexiko hat. Auch wenn jetzt erst mal J.K. Rowling und Sibylle Berg an der Reihe sind.

Und gemäß meinem Vorsatz, nur noch Meisterwerke in meinen Bücherschränken an zu häufen, verschenke ich „Ruth Rendell: Alles Liebe vom Tod“ an die Erste / den Ersten, der dafür Interesse zeigt. Meldet euch.

 

Ruth Rendell (1998): Alles Liebe vom Tod (Orig.: From Doon with Death), München: Goldmann.

Seiten: 219

Meine Lesezeit: 1 Woche

Quelle: Verschenkte Bücher / jetzt von mir zu verschenken.

Bewertung: *** ( von 5)

 

 

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