Archiv der Kategorie Wirtschaftstheorie

Über (Chancen-)Ungleichheit und was wir tun könnten

Welche Einkommensgruppen an absolutem (realem) Einkommen zwischen 2007 and 2013 verloren haben.

Welche Einkommensgruppen an absolutem (realem) Einkommen zwischen 2007 and 2013 verloren haben. Quelle: Branko Milanovic (Klick aufs Bild)

In meinem Beitrag Wohlstand für alle? habe ich neulich schon angemahnt, dass dringend eine ökonomische Verteilungsdiskussion notwendig ist. Ich bin leider nicht dazu gekommen, meine eigenen Ideen dazu aufzuschreiben, aber die folgende Diskussion ist ein interessanter und differenzierter Beitrag dazu. Ich veröffentliche ihn hier (ohne den darin vertretenen Positionen zuzustimmen) um die Diskussion voran zu bringen.

Interessant wird der Beitrag natürlich auch dadurch, dass er vor der US-Präsidentschaftswahl aufgenommen wurde.  (Chancen-)Ungleicheit zu bekämpfen ist auch schon deshalb wichtig, weil sie Demagogen und Despoten wie Trump, Putin und auch Erdogan erst ermöglicht – und auch den Aufstieg der AfD in Deutschland unterstützt hat.

Paul Krugman, Robert Solow and Janet Gornick discussing Tony Atkinson’s last book: Anthony B. Atkinson “Inequality: What Can Be Done?” (Harvard University Press, 2015) at the Russell Sage Foundation in New York City.

 

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Kritik an der Kritik an der Ideologie vom totalen Buchmarkt

Alter römischer Autor

„Die Ideologie vom totalen Markt sorgt dafür, dass der Einzelne, gleichgültig an welchem Platz in der Gesellschaft er steht, dessen Zwänge unter dem Deckmantel der Selbstoptimierung und Eigenverantwortlichkeit, des Teamspirits und der flachen Hierarchien, der Flexibilität und Kreativität als schicksalhaft unentrinnbar erfährt.”

Norbet Niemann am 7.6.2015
in der FAZ

Seichte Kapitalismuskritik macht sich gut. Und solange sie nicht ans Eingemachte geht, kann sogar die FAZ sie drucken, ohne die Werbekunden zu verschrecken.

So auch Norbert Niemann, der in der FAZ die Ökonomisierung der Gesellschaft bejammert und die fatalen Auswirkungen auf die schreibende Zunft. Ein interessanter Artikel, aber ich stimmte nicht damit überein. Niemanns Kritik an der Ökonomisierung der Gesellschaft kann ich zustimmen – auch wenn sie gerade im Beispiel des Dorfes auch große Vorteile hat (s. z.B. die Diskussion zur Odenwaldhölle).

Aber: Es wird heute mehr Literatur produziert, mehr Literatur gekauft und mehr gelesen, als je zuvor. Und der Kapitalismus sorgt dafür, dass Autoren (in der Mehrzahl ind Deutschland) heute eine besser ökonomische Absicherung haben als je zuvor. Selbst Dichter müssen heute nicht mehr (ver-)hungern.

Und Niemann sagt ja selbst, dass es die literarischen Meisterwerke noch gibt. Und ich schätze (ohne es belegen zu können), dass sie sich heute im Schnitt besser verkaufen als „früher“ (hier fehlt mir im Artikel auch die Vergleichsmaßstab, den er ansetzt).

Und das von ihm beschriebene Phänomen, sich an Moden anpassen zu müssen, um einen Verleger zu finden, ist so alt wie der Literaturbetrieb. Habe ich gelesen. Aber darum geht es nicht. Niemann meint (leider implizit) etwas anderes – und um dass zu verdeutlichen, muss ich etwas ausholen:

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Vom Ende des Steinbruchs und der Schuld der Unpolitischen

Steinbruch TheaterEs gibt viele Leute, die sich als „unpolitisch“ bezeichnen und sich mit politischen Fragen nicht beschäftigen. Ich versuche immer, ihnen klar zu machen  dass die Politik, die sie so gezielt zu ignorieren versuchen, erheblichen Einfluss auf ihr ganz persönliches Leben hat.

Die jetzt plötzlich und völlig überraschend kommende Schließung des Steinbruch Theaters in Darmstadt-Traisa ist ein gutes Beispiel dafür.

Ich habe gestern erfahren, dass das Steinbruch Theater – seit 34 Jahren Club und Bühne für Musik diesseits des Mainstreams kurz vor den Toren Darmstadts – sehr abrupt seine Türen schließen muss. Der Besitzer des Gebäudes, so die Mitteilung der Betreiber des Steinbruchs, habe sich kurzfristig mit einem Investor geeinigt und sie „vor die Tür“ gesetzt.

Das ist sehr traurig, weil damit eine lange Tradition zu Ende geht und wohl auch Menschen wirtschaftlich vom Arbeitgeber Steinbruch abhängig waren, die nun sehr plötzlich ohne Einkommen dastehen.

Erstaunlich ist jedoch, dass die Betreiber in ihrer Mitteilung von „Moral“ („Raub“ des Konzeptes) sprechen und dem Investor vorwerfen, „hinter unserem Rücken Verhandlungen geführt“ zu haben. Denn es ist ein Vorgang, der normal ist, der überall und ständig stattfindet und der im vollständigen Einklang mit unserem Wirtschaftssystem steht: Der Marktwirtschaft. Ja, der sogar der Kern dieses Systems ist: Der wirtschaftlich Starke soll den wirtschaftlich Schwachen aus dem Markt drängen können – selbst wenn es für den Schwachen die wirtschaftliche Vernichtung bedeutet.

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Schottische Unabhängigkeit: Why Cameron can’t help win Scotland (back) and what he has in common with Windows 8

Loch NessAm 18. September 2014 findet die spannendste Wahl dieses Jahres statt und dann (abhängig vom Ergebnis) könnte eines der spannendsten ökonomischen Experimente der seit der deutschen Wiedervereinigung beginnen. Denn morgen (b.z.w. wen ihr das lest, vermutlich heute, oder sogar gestern) stimmen die Schotten ab, ob sie weiter zu Great Britain gehören wollen. Und die Umfragen sagen zur Zeit einen (denkbar knappen) Sieg der Unabhängigkeitsbewegung voraus.

Aus rein wirtschaftswissenschaftlicher Sicht kann man sich das – aus sicherer Entferung – nur wünschen. Denn die daraus resultierende Entwicklung dürfte allemal spannend werden – egal wie sie verläuft.

Leider erzeugt jede solche politische wie wirtschaftliche Veränderung Verlierer. Und wie immer, wenn Nationalismus im Spiel ist, werden das vor allem die normalen Menschen sein. Insofern würde ich – kurzfristig und konservativ gedacht –  mir einen Verbleib Schottland in Großbritannien wünschen.

Mich erinnert jedoch der ganze Konflikt weniger an eine Frage politischer Macht oder ökonomischer Ratio, sondern vielmehr an eine langjährige Ehe, in der die – wie auch immer geartete – Zuneigung (trotz allen wirtschaftlichen Vorteile) unter einem Mangel an ehrlicher Wertschätzung  gelitten hat. Bis zu einem Punkt, an dem – trotz aller wirtschaftlicher Argumente – keine gemeinsamer Weg mehr vorstellbar ist.

Scottland - SchottlandDer emotionale Bruch mag weit zurück liegen. „Die späte Rache der Schotten an Thatcher“ nannte neulich eine Zeitung die Abstimmung, doch die kalten, verlogenen englischen Machtpolitiker Toni Blair und David Cameron haben sicherlich nicht geholfen, eine neue Liebe zu entfachen. Im Gegenteil: David Cameron can’t help the No campaign argumentiert Charlie Brooker in einem sehr unterhaltsamen Artikel im Guardian.

Und dann ist da noch der Verdacht, dass die ganze Situation komplexer ist und eine Dynamik in Gang setzen könnte, die – sagen wir mal – noch viel spannender ist als die rein ökonomische Analyse.

Denn ein unabhängiges Schottland wird sich – soviel ist schon jetzt klar – sofort um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bewerben. Und auch wenn eine Aufnahme nicht sofort erfolgen kann – sie steht wohl außer Zweifel. Über genau diese Mitgliedschaft aber wird aber das Rest-Großbritannien 2015 abstimmen und zumindest heute gilt ein Sieg der EU-Gegner als sicher.

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Kultur vs. Ökonomie

Haare raufende FigurDieser Beitrag ist NICHT von mir, aber ich finde ihn so treffend, dass ich ihn hier veröffentlichen möchte. Viel Spass damit:

Der Generaldirektor eines Großunternehms erhielt eine Gratis-Eintrittskarte für das Konzert von Schuberts Unvollendeter Symphonie. Er konnte das Konzert nicht selbst besuchen und schenkte deshalb die Karte einem befreundeten Unternehmensberater.

Nach zwei Tagen erhielt der Unternehmer von seinem Berater ein Memo mit folgenden Kommentaren:

1. Während längerer Zeit waren vier Flötisten nicht beschäftigt. Die Zahl der Bläser sollte deshalb reduziert und die Arbeit auf die übrigen Musiker verteilt werden, um damit eine gerechtere Auslastung zu gewährleisten.

2. Alle zwölf Geiger spielten identische Noten. Dies stellt eine überflüssige Doppelspurigkeit dar. Die Zahl der Geigenspieler sollte deshalb ebenfalls drastisch gekürzt und für intensivere Passagen könnte ein elektronischer Verstärker eingesetzt werden.

3. Es wurde zu viel Mühe zum Spielen von Halbtonschritten aufgebracht. Nur noch Ganztonschritte spielen! Dadurch können billige Angelernte und Lehrlinge eingesetzt werden.

4. Es hat keinen Sinn, mit Hörnern die gleiche Passage zu wiederholen, die bereits mit Trompeten gespielt worden ist. Empfehlung: Falls alle diese überflüssigen Passagen eliminiert würden, könnte das Konzert von zwei Stunden auf 20 Minuten gekürzt werden.

Hätte Schubert sich an diese Empfehlungen gehalten, hätte seine Symphonie wahrscheinlich vollendet werden können.

 

Quelle: Bundeskongress der niedergelassenen Chirurgen 2013, via Facebook.

 

Ähnlich:

 

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Negativer Zins – durch Wirtschaftstheorie zu erklären?

Heute auf Twitter ist zwischen mir und @Trias_eine Diskussion (0,1,2,3,4,5,6) entstanden, ob sich ein negativer Zins (wie heute beobachtet und von der Presse bejubelt (1,2)) mit ökonomischer Theorie erklären läßt (er meint: Nein).

Ich finde, dasss das relativ einfach erklärbar ist, aber da 140 Zeichen dafür ein bischen knapp sind, hab ichs hier ins Blog verlagert.

Worüber reden wir

Der beobachtete negative Zinssatz wurde auf einen Teil-Markt beobachtet – dem Markt für deutsche Staatsanleihen.  Es ist keineswegs so, dass der durchschnittliche Zinssatz  – oder sogar alle Zinssätze in Deutschland ins Minus geplumpst sind. Also handelt es sich hier nicht um ein makroökonomisches, sondern um ein mikroökonomisches Phänomen. Wer es mit makroökonomischen Theorien zu erklären versucht, nutzt – in diesem Fall – das falsche Werkzeug.

Dazu, ob auch makroökonomisch (also für alle Geldmärkte in einem Land oder sogar weltweit) ein negativer Zinssatz möglich ist, habe ich im Augenblick noch keine Meinung, werde dazu aber am Ende dieses Artikels noch ein paar Überlegungen anstellen.

In der BWL sind negative Zinssätze übrigens ganz normal: Jedes Investment, dass (ex post) eine Verlust ausweist, hat einen negativen Zins. Und es kommt häufiger vor, dass sich ein Unternehmen schon vorab für ein Investment mit negativem Zins entscheidet – zum Beispiel aus strategischen Überlegungen.

 

Der Geldmarkt

Geld (zusätzlich zu seiner Funktion als Zahlungsmittel) ist augrund seiner relativ guten Wertaufbewahrungsfunktion ein Gut wie jedes andere.  Es gibt eine Nachfrage nach Geld und ein Angebot an Geld. Der Preis zu dem Geld gehandelt wird, wir üblicherweise als Zinssatz angegeben – genauso könnte man ihn jedoch auch in Euro oder Dollar angeben.

Der Markt für deutsche Staatsanleihen ist ein Geldmarkt (von vielen) mit ein paar Besonderheiten:

Das Geldangebot

Im folgenden Bild sei vereinfacht die blaue Kurve das Angebot an Geld. Das Anbebot an Geld endet bei einem bestimten Zinssatz x, weil es dann für alle Markteilnehmer interessanter ist, das Geld auf anderen Märkten anzulegen. Da die Anbieter selbst keine Staatsanleihen auflegen können, kann die Menge der Staatsanleihen auch nicht negativ werden. Auf der anderen Seite endet das Angebot theoretisch bei der Geldmenge M, bei der das ganze in Land vorhandene Geld in Staatsanleihen angelegt ist.

Die Geldangebotskurve verläuft relativ flach, da Staatsanleihen gut durch andere Anlageprodukte substituiert werden können.

Die Geldnachfrage

Die Nachfrag nach Geld ist rot eingezeichnet. Eine Aussage über sie ist nicht so einfach, da zwar einerseits der Bedarf an Geld von politischen Prozessen diktiert wird (und nicht – schon gar nicht kurzfristig) durch Zinsänderungen beeinflußt wird, die Nachfrager (Bund, Länder, Kommunen) aber andererseits ein Oligopol bilden und ihren Bedarf auch durch andere Quellen (Geldmenge, Steuern) decken können. Ansonsten gelten die gleichen Regeln bezüglich der Mengen (Menge der Staatsanleihen immer zwischen 0 und M) wie beim Angebot.

 

Die aktuelle Marktsituation

Die Geldnachfrage in Deutschland ist relativ stabil. Die Steuereinnahmen sind leicht steigend, die Staatsausgaben steigen nicht mehr als gewöhnlich. Die EFSF-Verpflichtungen sind zunächst nur Verpflichtungen, die noch keine Auswirkungen auf die Nachfrage nach Geld haben.

Dagegen ist das Geldangebot aufgrund der instabilen Situation auf den Weltmärkten stark steigend. Schauen wir uns die Substitute an:

Ausländische Staatsanleihen

Die Märkte für ausländische Staatsanleihen sind vielfach mit hohen Risiken behaftet, wogegen die deutschen Anleihen als verhältnismäßig solide gelten. Aufgrund der Sparpolitik in den gefährdeten Ländern geht die Nachfrage nach Geld dort zum Teil drastisch zurück und ein Investment dort ist mit der Gefahr des Totalverlustes behaftet.

Da aber viele institutionelle Anleger (Fonds, Banken, Unternehmensrücklagen) einen erheblichen Teil ihrer Gelder in sicheren Staatsanleihen unterbringen müssen (entweder gesetzlich oder durch Prospekt / Satzung vorgeschrieben), die kurzfristig liquidierbar sind, bleiben ihnen nur die finanziell stabileren Staaten – zu denen der größte Nachfrager der Vergangenheit – die USA – nur noch begrenzt gezählt wird.

Der Aktienmarkt

Mittelfristig könnte europäische Währungskrise in einer Rezession münden, die die Aktienkurse deutlich drücken würde. Daher werden langfristig orientierte Anleger nur vorsichtig im Aktienmarkt investieren, solange der Brand in Europa schwelt. Auch die USA boomen wirtschaftlich nicht, Russland hat sich wieder vom Markt verabschiedet und Japan kämnpft mit den Folgen der Erdbeben- und Atomkatastrophe. Auch Import-Nachfrage aus den Boom-Ländern wie China und Indien hat sich deutlich abgekühlt.

Aber auch kurzfristige Anleger finden zur Zeit keine besondere Blase oder Story, die massiv Investments treiben würde.

Der Immobilienmarkt

Hat sich noch nicht von der letzten Blase erholt. Kein gutes Karma.

Der Goldmarkt

Der Goldpreis ist im letzten Jahr aufgrund der Ängste rund um die Euro-Krise massiv gestiegen. Weitere Steigerungen sind kaum zu erwarten, solange sich die Situation nicht drastisch verschlimmert. Sobald sich die Krise allerdings beruhigt, wird eine Verkaufswelle entstehen (und der fallende Goldpreis sogar eine Massenflucht auslösen), die bei Anlegern zu massiven Verlusten führen kann, die den am Anleihenmarkt beobachteten negativen Zins lächerlich erscheinen ließen. Nein, Gold ist derzeit kein kluges Investment.

Die Rohstoffmärkte

Auch hier kühlt sich die vergangene Nachfrage aus den Boomländern gerade ab, während eine Rezession in Europa eine weitere Abkühlung bedeuten würde. Auch nicht gerade spannend als Investment.

Auf die Bank ? Unters Kopfkissen?

Dem Normalbürger bleibt das gute alte Sparbuch oder Tagesgeld als Alternative, wenn alle anderen Investments unattraktiv erscheinen. Und das ist- selbst wenn die Bank pleite geht – durch die Einlagensicherung abgesichert – jedenfalls jeder Betrag der durch ehrliche Arbeit im Laufe eines Lebens verdient werden kann.

Die Anleger, über die wir hier reden, wollen Summen anlegen, die weit, weit jenseits der gesicherten Beträge liegen. Und wenn die EU doch Griechenland oder Italien oder Spanien oder alle zusammen fallen läßt, dann wird mehr als eine Bank in den Konkurs rutschen – was den Totalverlust der dort angelegten Gelder zur Folge hätte.

Aus gleichem Grund ist auch Lischen Müllers Option, das Geld einfach unters Kopfkissen oder in der Kaffeedose zu verstecken, keine Option. Mal abgesehen von der Diebstahlgefahr und das selbst Dagoberts Geldspeicher dafür nicht ausreichen würde: Die vielen Millarden Buchgeld, die täglich aus Investment frei oder als Gewinne ausgeschüttet werden, ließen sich schon praktisch gar nicht in Banknoten auszahlen.

Zusammengefaßt:  Ein unüblich großer Anteil der täglich neu zu investierenden Geldmittel fließt zur Zeit in den Markt für deutsche Staatsanleihen, weil die Anleger hier ein verhältnismäßig geringes Risiko sehen. Aus Angst vor größeren Verlusten in anderen Märkten sind einige sogar bereit, dabei einen geringen Verlust in Kauf zu nehmen.

Oder so gesagt: Sie erkaufen sich damit eine anderes Gut – Sicherheit.

Auch aus Sicht eine Individuums ist das eine rationale Entscheidung:

1.) Ein Investor investiert auch in einen verlustbringenden Markt, wenn dort der erwartete Grenz-Verlust geringer ist als in anderen ihn zugänglichen Märkten, wenn nicht-Invest keine zur Verfügung stehende Option ist.

2.) Ein Investor streut bei Entscheidung unter Unsicherheit seine Investments so über verschiedene ihn zugängliche Märkte, dass der erwartete Gewinn maximiert (aka der erwartete Verlust minimiert) wird, wenn nicht-Invest keine zur Verfügung stehende Option ist.

 

Zwei traurige Lehren lassen sich daraus ziehen:

1.) Es gibt Personen und Institutionen, die über soviel Geld verfügen, dass sie gezwungen sind, es um jeden Preis anzulegen.

2.) Obwohl sie über soviel Geld verfügen, fließt das Geld nicht dorthin, wo es  am dringendsten gebraucht wird, sondern dorthin, wo es am wenigsten gebraucht wird.

 

Wie versprochen jetzt zur Frage:

Ist Makroökonomisch ein negativer Zinssatz möglich?

Also: Ist es denkbar, dass in einem Land (oder sogar weltweit) der durchschnittliche Zinssatz (zumindest kurzfristig) negativ wird? Dazu ein paar vorläufige Überlegungen zur Diskussion (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Wir haben gesehen, dass dieses auf einem Markt passieren kann, wenn

a)  Unsicherheit herrscht

b) Eine Rezession erwartet wird

c) die Option der Bargeld-Haltung für relevante Teile der Marktteilnehmer nicht besteht

 

I ) Fangen wir (ganz nach Lehrbuch) mit einer geschlossenen Volkswirtschaft (z.B. Nordkorea 😉 an.

Nehmen wir an, dass (wie oben) alle Finanzmärkte dieses Lande aufgrund von Unsicherheit und Rezessionserwartungen mit Verlusterwartungen belastet sind und die Nachfrage des Staat nach Liquidität relativ stabil ist.

Die Alternative zu den Finanzmärkten ist immer der Gütermarkt. Wenn sich auf Finanzmärkten keine gewinnversprechende Investitionsmöglichkeit bietet, werden Anleger verstärkt Land, Unternehmen, Maschinen, Rohstoffe u.a. kaufen, um damit Mittel – oder Langfrsitig Gewinne zu erwirtschaften. Das ist jedoch a) für reine Finanzinvestoren, die kurzfristig hohe Erträge anstreben, unattraktiv und b) erfordert Aufwand und Zeit (ist also keine kurzfistige Option zur Geldanlage).

Ein Finanzinvestor, der 100 Mrd. anlegen muss, wird sich verhältnismäßig schwer tun, diese so in Stückelungen von 1-2 Mio anzulegen. Je breiter das Kapital jedoch gestreut ist, desto einfacher ist dieser Weg zu beschreiten

Auch der Staat wird extrem niedrige Zinsen nutzen, um Maßnahmen zu Stimulierung der Wirtschaft zu ergreifen: Bau von Infrastrukturen, Investitionen in Forschung und Bildung, Ausweitung des Staatsapparates / des Beamtentums . Aber auch solche Maßnahmen brauchen Zeit, bis sie wirken und müssen von Menschen umgesetzt werden.  Eine dezentrale Staatsstruktur ist hier einem zentral organisierten Staatswesen klar überlegen.

Fazit:  In einen geschlossenen Volkswirtschaft könnte es in einer extremen witschaftlichen Situation für kurze Zeit zu einem negativen Zinssatz kommen. Dieses ist um so wahrscheinlicher und ggf. länger, je mehr der Reichtum in den Händen weniger gebündelt ist und je zentraler der Staat organisiert ist, da beides die Reaktionsgeschwindigkeit vermindert.

II) Eine offene Volkswirtschaft

Im diesen (realistischeren) Fall hat zumindest ein Teil der Investoren Zugang zu Märkten, die einem anderen Zyklus folgen, andere Erwartungen haben. Dort können sie investieren, während sie im Inland zu Nachfragern nach Kapital werden, d.h. das Über-Angebot an Geld abschöpfen.

Fazit: Die Wahrscheinlichkeit eines negativen durchschnittlichen Zinssatzes in einer offenen Volkswirtschaft ist sehr, sehr  gering.

III) Eine Weltwirtschaft

Wenn wir nun (rein theoretisch) annehmen, dass wir eine Welt bekommen, in der die Schranken zwischen Ländern und Märkten wegfallen und in der Informationen, Stimmungen und Erwartungen sich in Sekunden über elektronischen Medien weltweit verbreiten…  – dann haben wir eine Situation, die der einer geschlossenen Volkswirtschaft sehr, sehr ähnlich wird (zumindest bis wir außerirdisches Leben entdecken) .

In diesem fall, würde ich behaupten, dass die Erkenntnisse aus I) anzuwenden sind: Ja, eine negativer Zins ist (zumindest zeitweise)  möglich.

Nun könnte man – im Sinne Milton Friedmans – fragen, was denn an einem negativen Zinssatz so schlecht ist, das ein großes Aufheben davon gemacht wird. Aber die Diskussion ist eine andere…

 

Was meint ihr? Denkfehler meinerseits? Hab ich meine Ideen verständlich ausgedrückt?

 

Addendum: Jetzt hab ich noch mal bei Samuelson nachgelesen [Samuelson und Nordhaus (1989) Economics] und folgende Stelle (Appendix: 30, Seite 733) gefunden:

„Figure 30A-1 [wird nachgereicht] makes an additional intereting point. Note that there is no need for the intersection at E to show a graeter slope than 1. It could be relatively flat. But because the slope is equal to (1+r) – where r is the real interest rate – if for some reason the tangency came with a slope less than 1, the real interest rate would be negative. Such an outcome might result if people were very patient or if the PPF [ = production possibility frontier] showed no net return to sacrificing curretn cnsumption.“

Samuelson (basierend auf Irving Fisher – der! Monetarist) zeigt also zwei Ursachen für einen negativen Zins: Die Präferenzen der Menschen und die  Substituierbarkeit der Güter (wovon meine obige Diskussion ein Spezialfall  wäre).