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JR in Baden-Baden

Ausschnitt: Projekt WOMEN ARE HEROES von JR (2008), Favela Morro da Providência in Rio de Janeiro,Brasilien

Ausschnitt: Projekt WOMEN ARE HEROES von JR (2008), Favela Morro da Providência in Rio de Janeiro,Brasilien

Als ich gehört hab, dass JR in Baden-Baden ausstellt, ich so: WTF? Dallas? Ich dachte, das wär überstanden?

War natürlich nicht der JR von Dallas. Leider auch nicht mein Jugendfreud, dessen Namen mit diesen Initalien begannen und der promt JR als Spitznamen weg hatte. Sondern der JR. Der Künstler. Nie gehört? Ich vorher auch nicht.

Jedenfalls der stellt zur Zeit in Baden-Baden aus, im Museum Frieder Burda. Was witzig ist, weil mit der Burda-Familie (b.z.w. ihren Minions) habe ich mehr als eine „Vergangenheit“, die nicht immer von  tiefer Zuneigung geprägt war. Und doch mein Leben geprägt hat. Ausgerechnet meine Begleitung beim Besuch der JR Ausstellung hatte ich im Rahmen meiner ersten Begegnung mit dem Burda-Konglomerat zum ersten Mal getroffen. Immerhin von 20 Jahren.

Damit nicht genug der Parallelen dieser Ausstellung zu meiner Bio. Brasilien hat JR auch noch verarbeitet – doch mehr dazu später.

JR steht (laut Wikipedia) für „Juste Ridicule“, was nicht etwa der Name des Künstlers ist, sondern in etwa „nur albern“ bedeutet. Obwohl er Fotografien von sich zulässt, hält der französische Künstler JR (*1983) seine Identität verborgen. Er ist- wie Bansky – ein Streetart Künstler und angeblich (wenn man der offiziellen Legende folgt) kommt er auch selbst von  der Straße.

"Bauhaus" - aus dem Projekt "unframed" by JR (Ausschnitt)

„Bauhaus“ – aus dem Projekt „unframed“ by JR (Ausschnitt)

Seine Methode: Er fotografiert Menschen,  druckt diese Bilder in Schwarz-Weiß in riesigem Format aus und plakatiert damit Hauswände, Mauern, Treppen, was auch immer. In Baden-Baden sind nun Fotos der Installationen der Ausdrucke der Fotos zu sehen. Und es ist eine starke Ausstellung geworden.Wirklich sehenswert. Einzige Kritik: Ich hätte gern noch mehr Bilder von JR gesehen.

Was macht JR mit seiner Methode? Bekannt wurde er in Frankreich ab 2004 mit dem Projekt „Portrait of a Generation“. Nach Unruhen in Pariser Vororten hatten Politiker und Presse eine Hass-Kampagne gegen die Jugendlichen aus der Vororten gestartet und sie zur „Verlorenen Generation“ erklärt. JR plakatiert seine Fotos von Grimassen schneidenden Jugendlichen in eben diesen Vororten und auch in gutbürgerlichen Vierteln von Paris. Die Bilder provozieren die Passanten, indem sie die Darstellung dieser Generation durch die Medien hinterfragen.

Das Projekt „Face 2 Face“ (2007) zeigt Israelis und Palästinenser mit den gleichen Berufen – zum Beispiel Lehrer, Krämer, Bildhauer – unter Tränen lachend, schreiend oder Grimassen schneidend vor JRs Objektiv. Er plakatiert die riesigen Fotos auf Hauswänden in den Siedlungen dies- und jenseits der Grenze und sogar auf den Grenzanlagen selbst. Die Botschaft ist unübersehbar: Anhand ihrer Gesichtszüge lassen sich die verfeindeten Bevölkerungsgruppen nicht unterscheiden.

Beispiel: Projekt “Face 2 Face” (2007) by JR

Beispiel: Projekt “Face 2 Face” (2007) by JR:

Aus: Projekt “Women are Heroes” by JR

Aus: Projekt “Women are Heroes” by JR

Das Projekt „Women are Heroes“ realisiert JR zunächst 2008 in die Favela Morro da Providência in Rio de Janeiro. Er fotografiert die Bewohnerinnen der Favela. Sie sind die ersten Leidtragenden der Drogenkriminalität, die Schwächsten der Gesellschaft und doch ihr Pfeiler. Die Hütten des Viertels beklebt er mit wandhohen Postern, Schwarzweiß-Fotos von Augen und Gesichtern, Nahaufnahmen der Frauen. Das Projekt , über das er auch einen gleichnamigen Film dreht, führt JR dann in Kenia, Liberia, Sierra Leone, Indien und Kambodscha weiter.

Im Projekts „The Wrinkles of the City“ thematisiert JR die ältere Generation. Nach Stationen in Cartagena, Los Angeles, Havanna und Shanghai führt ihn das Vorhaben Anfang 2013 nach Berlin. Dort befragt er die »Alten« nach ihren Erinnerungen und plakatiert die Fotos der durch das Leben gezeichneten Menschen auf die von der Geschichte geformten Mauern. Die Ausstellung zeigt leider nur einige der Berliner Bilder. Mehr davon ist jedoch in den Kurzfilmen zu sehen, die im Untergeschoss des Museums (etwas versteckt) gezeigt werden.

Für das Projekt unframed (»ungerahmt«) verwendete JR nicht eigene Fotos, sondern Werke bekannter oder unbekannter Fotografen und plakatierte diese in Marseille, Bordeaux, Washington, São Paulo, Grottaglie in Süditalien.  Die Ausstellung zeigt Projektaufnahmen aus Vevey und aus Marseille. JR besucht hier Bewohner des Arbeiterviertels Belle de Mai, wählt Hunderte von Fotos aus ihren Fotoalben aus und plakatiert anschließend ein gutes Dutzend davon im Viertel zwischen Hafen und Hauptbahnhof: Schnappschüsse aus der Zeit der Volksfrontregierung, alte Klassenfotos, Bilder von Matrosen, Ausflüglern und Pendlern.

INSIDE OUT – JEDER KANN MITMACHEN

Im aktuell laufenden Projekt „inside out“  will JR mit so vielen Menschen wie möglich »das Innerste nach außen kehren« und wünscht sich, dass jeder öffentlich für das einsteht, was ihm wichtig ist. Bereits über 200.000 Personen nahmen mit ihren Porträts am Projekt INSIDE OUT teil.

Aus dem Projekt “The Wrinkles of the City

Aus dem Projekt “The Wrinkles of the City“ by JR, Berlin

JR gelingt es 2013 – als erstem Künstler überhaupt – den Times Square im Herzen New Yorks mit Porträts zu bekleben. Sein Mittel zum Zweck sind auch hier Fotos: Porträts, die in mobilen Fotokabinen gemacht oder über die Internetseite des Projekts eingeschickt werden und anschließend von den Porträtierten selbst in den öffentlichen Raum gebracht werden. JR ist Drucker geworden. Das Museum Frieder Burda berichtet über die Antizipation des Projektes:

Schnell wird aus der Idee ein politisches Ausdrucksmittel: In Tunesien überkleben die Menschen Porträts des Diktators mit ihrem eigenen Bild; in Pakistan weisen Minderheiten mit INSIDE OUT-Bildern auf ihre Verfolgung hin; in der Arktis prangt ein riesiges Auge und macht auf den Raubbau an einem der letzten intakten Ökosysteme der Erde aufmerksam; in den USA bekleben die Lakota-Indianer ihre Zelte mit Fotos und in Berlin demonstrieren junge Russen gegen die Homophobie in ihrem Land.

 

Viele interessante Beispiel und die Regeln zum Mitmachen finden sich auf der Web-Seite:  www.insideoutproject.net

JRs Bilder und Installationen sind politisch und parteiisch, ohne Parteipolitisch zu sein, sie sind humorvoll und menschlich, authentisch und doch abstrakt. Große Kunst. Absolut sehenswert!

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Juni 2014 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen.

 

Aus dem  Projekt “Women are Heroes

Aus dem Projekt “Women are Heroes“ by JR, Kenia

 

Siehe auch:

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Les Rita Mitsouko & La Yegros

Spannende Musik – nicht neu, aber von mir neu entdeckt Und wie oft auf schrägen Wegen (Die Black Keys habe ich z.B.- in der Videothek entdeckt).

Ich habe mit Entertain auf Arte den Film „Tomboy“ aufgenommen. Und als ich in den gestern Abend mal reinschauen wollte, habe ich – anders als sonst  (warum auch immer) – nicht gleich zum Filmanfang vorgespult (die Aufnahme beginnt immer ein paar Minuten früher, damit ich den Anfang des Films nicht verpasse, wenn sich das TV Programm mal kurzfristig verzögert). Und davor lief ein (nicht unspannendes) Magazin namens „Tracks„, das ich bisher nicht kannte. Da haben sie die Sängerin Mariana Yegros von La Yegros interviewed und die wiederum hat dabei – warum auch immer – das Album „Hip Kit“  von Les Rita Mitsouko  in der Hand gehalten. Und von denen haben sie dann noch einen Song gespielt haben. Und dann eine Live-Aufnahme von La Yegros.

Naja, Tomboy hab ich mir dann nicht mehr angeschaut. Sondern Musik gehört. Hier sei sie euch vorgestellt:

Les Rita Mitsouko

ist eine ziemlich alte Band und wenn ich sie bisher übersehen habe, dann vor allem, weil ich ziemlich wenig frankophil bin. Ein blinder Fleck, zugegeben, den ich aber (seit Delikatessen, Baise Moi und Nouvelle Vague) wirklich langsam mal angehen sollte.

Nun hier zur Vorstellung von Les Rita Mitsouko ihr Song „Tongue Dance“ (bekannt geworden sind sie mit „Marcia Baila„, den ich aber fast schon konventionell finde – fast) :

Mehr Infos zu Les Rita Mitsouko bei laut.de, eine Zusammenstellung weiterer Songs in meiner YouTube Merkliste.

 

La Yegros

 

aufgenommen am 04.05.2013 im Ringlokschuppen, Mülheim a. d. Ruhr.

Mehr Infos zu La Yegros bei laut.de, eine Zusammenstellung weiterer Songs in meiner YouTube Merkliste.

 

Siehe auch: Weitere Beiträge in der Kategorie Musik, wie zum Bleistift

 

 

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Brigitte Aubert: Nachtlokal

Buchtitel: Brigitte Aubert: NachtlokalDer französische Krimi „Nachtlokal“ hat keinen Helden im herkömmlichen Sinne. Zwei Männer sind in einer Stadt an der Côte d’Azur ermordet und bestialisch ausgeweidet worden. Ein Marokaner, ein Jude und … ein rechtsextremistischer Hintergrund? Die Polizei ermittelt und es wird schnell klar, das hier keine großen Lichter am Werk sind. Noch am klarsten, ohne sich dabei für den Job eines typischen Krimi-Ermittlers zu bewerben, ist der einfache Polizist Marcel Blanc, der das Ermittlungsteam mit Laufarbeiten unterstützen soll.

Statt den Täter zielgerichtet einzukreisen, taumelt das Ermittlungsteam von Hinweis zu Hinweis und verliert sich bevorzugt in abstrusen Theorien und Vermutungen, nur um Gelegentlich von Marcel Blanc wieder in die richtige Richtung gestoßen zu werden.

In der Zwischenzeit erhält der Leser Einblicke in das beklemmende, aber nicht uninteressante Seelenleben des Täters, der weitere Opfer sucht und findet. Und so kommen sich Täter und Ermitter immer näher – wie zwei Geschichten, die sich umkreisen, bis sie sich zu einer vereinen.

Der Reiz dieses Krimis liegt nicht in der Ermittlungsarbeit oder den Personen der Ermittler. Sondern vielmehr in den unfreiwillig komischen Beziehungen, die diese zueinander und zu ihrer Arbeit pflegen. Es ist kein großartiger Krimi, aber lesenswert für die freundlich Abwechselung, die ins Genre bringt. Und auch das Ende bringt noch eine nette Überraschung.

Den Rest des Eintrags lesen. »

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