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Was ist guter Unterricht?

Gastbeitrag von Bernd Sowa, Adolf-Reichwein-Schule Marburg

Der Zweck des Unterrichts ist es, Schüler zu bilden und auszubilden. Sollte das gelingen, dann war der Unterricht gut. Das klingt ganz einfach, ist es aber nicht, denn das Problem liegt in der Eigenart des Begriffs “Bildung”. Man muss sich also zunächst die Frage stellen, was ist Bildung und worin unterscheidet sie sich von Ausbildung? Bildung ist anders als Ausbildung, nämlich keine abhängige Variable. Sie erhält ihren Stellenwert also nicht, weil es technischen Fortschritt gibt oder weil es einen europäischen Arbeitsmarkt gibt und wir die Schüler darauf vorbereiten müssen. Bildung ist mehr.

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Kinder sind Feuer, die entfacht werden wollen!

(2007 als Selbstvorstellung in der Xing-Gruppe „Schule“ ( https://www.xing.com/net/pri8bfdf6x/realschule ) geschrieben)

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Kinder sind keine Fässer, die gefüllt,
sondern Feuer, die entfacht werden wollen.
(Rabelais, 1490 – 1553)
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Schon meine ersten Berührung mit dem Thema „Schule“ war intensiv, langjährig und prägend und hat mir zu folgenden grundlegenden Erkenntnissen verholfen:

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1.) Es gibt gute und schlechte Lehrer und Lehrerinnen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, ob sie Spaß am jeweiligen Fach vermitteln können, oder nicht.

2.) Motivation, Leistung und Noten von Schülern und Schülerinnen sind zu 70% vom Lehrer / von der Lehrerin abhängig.

3.) Schule ist ein permanenter Kampf ums Überleben: Schüler/innen werden zerrieben zwischen den Erwartungen der Eltern, Lehrer, Klassenkameraden und Freunden. Raum und Zeit, um gezielt eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, bleibt kaum.

4.) Noten sind eindimensional, subjektiv, ungerecht und assozial. Sie sind der primitive Versuch, die komplexen Vorgänge des Denkens, Lernens, Sozialverhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung auf eine [meist: diskretes] Nummernspektrum zwischen 1 und 6 abzubilden. Keine halbwegs intelligente Person könnte das bei objektiver Analyse für angemessen halten. Trotzdem hängt fast das ganze Leben davon ab.

Deshalb:

5.) Im Zweifel gilt: 4 gewinnt und vieles was verboten ist, ist im schulischen Überlebenskampf dennoch legitim (solange man nicht erwischt wird).

6.) Das Abi bekommt man am einfachsten, wenn man strebsam und fleißig ist. Intelligenz spielt weniger eine Rolle, kann aber nachhaltig schaden – vor allem wenn man wagt, die Meinung der Lehrer in Frage zu stellen. Denn Lehrer wissen es besser – meinen sie.

7.) Wenn du eine Wahl hast, wähle nach Lehrern, nicht nach Fächern.

8.) Für die Abschlüsse lernen wir, nicht für das Leben. Nach dem Abschluss gilt: Neues Leben, neues Glück.

9.) Die wichtigsten Dinge fürs Leben habe ich gelernt, in dem ich mich am Schulsystem gerieben habe.

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Wie es dazu kommen konnte?

Bereits in der Grundschule „genoss“ ich die beiden gegensätzlichen Typen des Lehrertums:

Den Typ „gemütlichen, lustigen, erzählfreudigen Kumpel“, der in uns die Lust an Themen, Geschichten, Geschichte, Theater und Schule weckte.

Den Typ „harter, strenger Pauker“, unfähig, den Sinn und Zweck ihres Unterrichtes zu vermitteln und unwillig, Lob oder Motivation als seiner würdig zu betrachten.

Ich „entkam“ der Orientierungsstufe (nds. Bildungskompromiss Mitte der 80er) um ein Jahr und qualifizierte ich mich für die Champions League des Schulsystems, ohne mir der Bedeutung dieses Ereignisses wirklich bewusst zu sein. In der Folge konnte ich so früher als die nachfolgenden Jahrgänge Erfahrungen als Fahrschüler an einem hoffnungslos überfüllten niedersächsischen neusprachlich-naturwissenschaftlichen Gymnasium sammeln.

Schlimmer jedoch war, dass erschreckend viele Lehrer (sog. (Ober-)Studienräte) unfähig oder desinteressiert waren, ihren Unterrichtsstoff angemessen zu vermitteln, geschweige denn die Schüler zu begeistern. Unangepasste Schüler wurden oft durch menschenverachtende Sprüche und gezielte Ungleichbehandlung schikaniert. In einem Fall wurden sogar die Eltern einer (sehr intelligenten, aber unangepaßten) Mitschülerin mit Erfolg unter Druck gesetzt, damit diese sie in einer anderen Schule unterbrachten.

Als Gründer und Chefredakteur der lokalen Schülerzeitung und später als Schülervertreter habe ich mich dann ausführlich mit den niedersächsischen Schulgesetz, Lehrplänen und Verwaltungsakten auseinandergesetzt, bis ich die Tricks (und zum Teil sogar Lügen) der Lehrer durchschaute, aber nicht immer durchkreuzen konnte. Außerdem war ich zwei Jahren lang im Vorstand der lokalen Kreisschülervertretung. Ein großer Erfolg war die Verhinderung der von Ernst Albrecht (CDU Ministerpräsident, Nds.) geplanten Abi-Deform durch massivste Schülerproteste.

Natürlich gab es auch fähige Lehrer, doch diese waren in der Minderheit. Mit ihnen zusammen haben wir in der Gesamtkonferenz (ca. 60 LehrerInnen, fünf SchülerInnen) einen dreijährige Kampf um die Einführung einer Projektwoche geführt. Überhaupt war die Teilnahme an dieser Veranstaltung besonders geeignet, mehr als ernsthafte Zweifel an den besonderen Befähigungen von Lehrern zu wecken. Die Auseinandersetzung bewegte sich oft auf erschreckend primitivem Niveau.

Durch eine jüngeren Bruder, der eine Waldorf-Schule besuchte und für den ich die Hausaufgaben- und Lern-Betreuung übernahm, habe ich auch spannende Einblicke in diese alternative Schulform gewonnen.

Eigene Lehr-Erfahrungen konnte ich bereits 15-jährig als Jugendgruppenleiter der evang. Jugend und bald darauf als Dozent bei Schülerzeitungsseminaren sammeln.

Weitere eigene Lehr-Erfahrungen: Während des Studiums habe ich als Übungsleiter an der Universität Konstanz Datenverarbeitung unterrichtet. In den ersten Jahren der Berufstätigkeit war ich häufig als Dozent in der Erwachsenenbildung aktiv (Journalisten-Weiterbildung, Akademie der deutschen Wirtschaft, VHS etc).

Nach der Geburt meines Sohnes habe ich als Elternbeirat(-svorsitzender) in einer Münchener Kooperationsstätte (>100 Kinder aus Krippe und Kindergarten in gemischten Gruppen) in einem städt. Problemgebiet gewirkt. Dort wurde besonders offensichtlich, dass dringende Probleme wegen einem Mangel an pädagogischer Ausbildung der Erzieherinnen / Kinderpflegerinnen (obwohl diese überwiegend mit hohem Engagement arbeiten) unbehandelt blieben.

Dank eines Job-Wechsels sind wir nun dem bayrischen Beschleunigungs-Wahn entkommen und habe meinen Sohn kürzlich in einer hessischen Schule einschulen können (Eingangsstufe). Trotzdem habe ich in den bisherigen Diskussionen den Eindruck gewonnen, dass auch hier in Hessen viele Entscheidungen weitgehend ideologisch – und an der Bedürfnissen der Kinder vorbei – fallen.

Seit ein paar Jahren versuche ich außerdem, 4 Nichten und 2 Neffen bei ihren Schul-Bemühungen zu unterstützen. Dabei stelle ich leider fest, das sich das größte Problem in den letzten 20 Jahren nicht verändert hat:

An der Schule wird Kindern und Jugendlichen systematisch der Spaß am Lernen ausgetrieben.

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When we grew up and went to school
There were certain teachers who would
Hurt the children in any way they could
By pouring their derision
Upon anything we did
And exposing every weakness
However carefully hidden by the kids

(Pink Floyd – The Happiest Days of our Lives)

We don´t need no education
We don´t need no thought control
No dark sarcasm in the classroom

Teachers! Leave The Kids alone
All in all – you are just another brick in the wall

(Pink Floyd – Another brick in the Wall, Part 2)

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12 Thesen zu Unterricht, Schule und Studium

Empfehlungen für Schüler, Eltern, Lehrer und solche die es werden wollen – basierend auf meinen persönlichen Erfahrungen. Für alle anderen: Denkanstöße ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit.

1.) Problematisch finde ich die in Deutschland vorherrschende Noten- und Kontroll-Fixierung. Sobald man seinen Abschluss hat, interessieren die Noten davor keinen Menschen mehr. Warum soll ich Schüler in Klasse 8 und 9 wegen Noten quälen? Das ist eine Phase, die nach der 10ten Klasse keinen mehr interessiert.

2.) Entweder der Lehrer schafft es in dieser Zeit, Spass und Freude am Lernen zu vermitteln, oder der Stoff ist zu 80% am Ende der Sommerferien eh wieder vergessen.

Vokalbelpauken war nie mein Ding und ich war im Englisch-Unterricht gelangweilt. Fast abgestigen deswegen. Zwei Auslandsaufenthalte später lag ich im TOEFL-Test besser als 98% der Absolventen.

3.) Der Unsinn von Sitzenbleiben: Warum soll jemand den Stoff in 8 Fächern mit guter Leistung wiederholen, nur weil er in zwei Fächern schlecht war. Das ist nicht nur ineffektiv, das ist auch absurd.

4.) Entstigmatisierung des Wiederholens einer Klassenstufe: Das freiwillige Wiederholen einer Klassenstufe sollte attraktiver gemacht werden. Solange Schulen, Eltern und Lehrer die Wiederholung jedoch als Strafe einsetzen, wird das nicht passieren.

Noch besser und der Realität angemessener wäre es allerdings, wenn den Schülern die Wiederholung einzelner Fächer ermöglicht würde. Aber dazu ist das deutsche Schulsystem viel zu unflexibel und bürokratisch.

5.) Stoff versäumt? Macht nix!

Gar nicht schwer, versäumten Stoff aufzuholen, wenn man einen guten Lehrer bekommt.

Ich war einer, der sich relativ faul durchgemogelt hat. Das furchtbare Ende: 2er-Abi und 1-er Diplom. Kann nicht klagen.

 

6.) Wegen schlechten Leistungen von der Schule nehmen?  Nur weil Schüler mit durch die Probleme der Pubertät und von Ihren Hormonen durchgeschüttelt werden, ihnen gleich jede Perspektive nehmen? Wollen wir wirklich die das gesamte Leben unserer Kinder davon abhängig machen, wie sie sich zum Zeitpunkt x fühlen und ob Sie Glück oder Pech mit ihren Lehrern haben?

7.) Es ist doch so:

– Es gibt die Streber und es gibt die Rebellen und viele dazwischen.
– Es gibt richtig gute Lehrer und richtig miese und viel dazwischen

8.) Nachhilfe verbieten! Nachhilfe verfälscht den freien Wettbewerb zugunsten der Wohlhabenden. Quasi wie Doping.

9.) Besser einen höheren Abschluss mit schlechten Noten als einen niedrigeren Abschluss mit guten Noten.

Gehen Sie mal ins Arbeitsamt eine deutschen Grossstadt. Da gibt es lange Schlangen an allen Schaltern, die Absolventen von Ausbildungsberufen bedienen. Und ganz hinten in der Ecke gibt es auch einen Schalter für akademische Berufe. Meist einen oder zwei. Aber kein Vergleich, obwohl immerhin 1/3 der deutschen Schüler Abitur macht.

10.) Für das deutsche Abi muss man nicht intelligent sein, sondern nur fleissig und wohlbehütet.

11.) Letztlich ist es egal, was man studiert. Wenn man studiert hat, gehört man schon zu den Siegern. Auch da ist die Note langfristig völlig egal.

12.) Vielen Unternehmen ist es oft egal, was studiert wurde. Allein wer sich bis zum Diplom durchgekämpft hat, hat sich schon bewiesen.

 

Doch was kann man dagegen tun? Hier ein paar ganz konkretet Vorschläge (und wie  die Parteien dazu stehen):

Meine bildungspolitischen Wahlprüfsteine

 

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